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Naturreligionen: Schamanismus und Schamanen

Naturreligionen: Schamanismus und Schamanen
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Schamanismus und Schamanen haben schon früh das Interesse jener Forscher erregt, die sich mit Ethnologie, Religion und Religionsgeschichte beschäftigten, vor allem da Schamanen in vielen Naturreligionen die Fähigkeit zugeschrieben wird, in Bewusstseinszuständen wie der Ekstase in jenseitige Welten vorzudringen, indem sie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit überschreiten. Prähistorischer Schamanismus: Die berühmte Darstellung in der Höhle von Lascaux diente als Ausgangspunkt für die Interpretation „Schamanismus im Paläolithikum“  - der sibirische Schamanismus dient häufig als Paradigma des ethnischen Schamanismus.

Abgrenzung zu Religion und Magie

Die Grenzen zwischen Schamanismus und Religion sowie zwischen Schamanismus und Magie sind fließend und werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Auch zwischen den Forschungsdisziplinen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, wie Ethnologie, Kulturanthropologie, Soziologie, Psychologie, Religionsgeschichte und anderen besteht Uneinigkeit über Definitionen und Erklärungen des Schamanismus.

Der sibirische Schamanismus prägt immer noch stark das Bild des Schamanen, da er seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, als Reisende aus Sibirien und Innerasien erstmals darüber berichteten, als Urbild angesehen wurde. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Ähnlichkeiten mit Erscheinungen in vielen anderen Regionen der Erde. Gleichzeitig erbrachte die Vorgeschichtsforschung zunehmend Indizien für weit zurückliegende schamanische Formen, möglicherweise bis 30.000 Jahre vor unserer Zeit. Religionswissenschaftler erkennen in bestimmten Glaubensvorstellungen und Ritualen der Weltreligionen die Spuren früherer schamanistischer Traditionen. Heute sind schamanische Praktiken bei vielen Völkern, wie den Aborigines Australiens, den San Südafrikas oder den Indianern und Eskimos Amerikas häufig und lassen sich neben oder in den jeweils vorherrschenden Religionen in vielen ethnischen Gruppen nachweisen.

Wegen des geheimnisvollen Nimbus, der den Schamanismus umgibt, erlebt er vor dem Hintergrund vor allem der strikt säkularen, materialistischen westlichen Welt[1] gegenwärtig eine Art Renaissance als sogenannter Neoschamanismus, ein Begriff der Esoterik, der Bestrebungen bezeichnet, aus dem Schamanismus abgeleitete Praktiken für eine spirituelle Entwicklung nutzbar zu machen.
Etymologie und Grundbegriffe

Etymologie
Der von Eliade in den 50er Jahren verwendete Begriff „Schaman-ismus“ (statt des älteren „Schamanentum“, das eher die lokalen Unterschiede betonte)[2] leitet sich vom deutschen Lehnwort „Schamane“ ab; ein Begriff, der sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland nachweisen lässt. Das Wort entstammt dem evenkischen (d. h. tungusischen) šaman, dessen weitere Etymologie umstritten ist. Das Wort könnte eine Ableitung von der tungusischen Wurzel ša- (denken, wissen) sein. Eine weitere Interpretation des Wortes greift auf die mandschu-tungusische Bedeutung „mit Hitze und Feuer arbeiten“ zurück. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde sein Charakter als Lehnwort diskutiert: Vertreter der Theorie, der Schamanismus sei von Indien oder Tibet nach Zentralasien und Sibirien gekommen, leiteten den tungusischen Ausdruck vom indischen (Pali) samana her, was auf eine Beziehung zum Buddhismus hindeuten könnte. Allerdings bleibt die Entlehnungshypothese auch dann möglich, wenn man den Schamanismus als eigenständiges Phänomen begreift.

Bereits der sibirische Raum kennt aber keinen einheitlichen Begriff für die Figur des Schamanen. In Tuva, Khakassien und der Altai-Region bezeichnen sich Schamanen als kham (khami, gam, cham), wobei die Ähnlichkeiten zum Begriff des Kami auffällt, der für den japanischen, noch stark schamanisch[3] gefärbten Schintoismus zentral ist.[4] Die Schamanengesänge werden kham-naar genannt. Anstelle des tungusischen šaman gibt es im Mongolischen die Begriffe böö (männlich oder geschlechtsneutral) und zairan (männlich, oder Titel für „große“ Schamanen) und udagan für die Schamanin; in den Turksprachen heißt der Schamane kham. Im Zuge der Islamisierung ersetzte bei vielen Turkvölkern bakshi (aus sanskr. bhikshu) als generischer Begriff für vorislamische religiöse Spezialisten den einheimischen Ausdruck kham. Zahlreiche weitere Bezeichnungen für die Person des Schamanen waren regional stark begrenzt.[5]

Grundbegriffe[6]
Bei den Grundbegriffen fallen nicht nur religions- und medizingeschichtliche Bedeutungsunterschiede, sondern auch lokale Varianten auf; so werden etwa die amerikanischen Schamanen meist als Medizinmänner bezeichnet. Diese begrifflichen Unschärfen finden sich vielfach auch in der Forschungsliteratur.

* Séance (frz. „Sitzung“): Der auf den Schamanismus übertragene Begriff ist etwas unglücklich gewählt, denn kulturhistorisch bezeichnete er eigentlich ein modisches Phänomen des Spiritismus im ausgehenden 19. Jahrhundert (das allerdings, wenn auch unter anderer Bezeichnung, schon in der Antike etwa in den Mysterienkulten praktiziert wurde), nämlich eine Zusammenkunft von Personen unter Mitwirkung eines Mediums, mit dessen Hilfe Kontakt mit dem Jenseits hergestellt oder Psi-Manifestationen produziert werden sollten.[7]
Religiös: Im Schamanismus versteht man darunter den Gesamtkomplex einer Schamanensitzung (in Sibirien: kamlanie), in deren Verlauf der Schamane in Trance und Ekstase verfällt und so seine Ziele mit Hilfe von Geistern zu erreichen sucht.
* Trance (lat. transitus = Übergang): Ein neurologisch bis heute nicht völlig aufgeklärter psychischer Ausnahmezustand des Bewusstseins, der durch Aufgabe der Realitätsprüfung, eingeengtes Bewusstsein und vor allem bei tiefer Trance vielfach nachfolgende Amnesie gekennzeichnet ist.
Religiös: Die Trance ist Voraussetzung für die schamanische Ekstase und hat eine enge Beziehung zur religiösen Verzückung und visionären Erlebnissen, wird im religiösen Bereich mitunter auch generell als Ekstase bezeichnet. Erreicht werden kann sie durch Meditation, Hypnose, Autosuggestion, Askese oder äußere bzw. innere Reize wie Sprach- und Atemtechniken, rhythmische Bewegungen etwa bei Derwischen, Trommeln, Gesang, Tanz, Drogen etc.[8]
* Ekstase: Griech. ekstasis = Aussichherausgetretensein. Verzückungszustand, der durch Verminderung der Selbstkontrolle, überschäumende Gefühle und oft durch Bewegungsüberschuss gekennzeichnet ist. Es treten dabei oft akustische und optische Halluzinationen auf. Die Ansprechbarkeit ist reduziert. Auftreten verstärkt bei Psychosen.[9]
Religionsgeschichtlich, vor allem aber im Schamanismus, hat die Ekstase jedoch eine andere, von Mircea Eliade popularisierte Bedeutung. In „Schamanismus und archaische Ekstasetechnik“ beschreibt er die Ekstase als zentrales Element des Schamanismus. Ausgehend vom Trancezustand wird hier darunter der Vorgang verstanden, in dessen Verlauf der Geist des in Trance befindlichen Schamanen seinen Körper verlässt, um durch metaphysische Aktivitäten bestimmte Ziele zu erreichen, indem er etwa mit Geistern kommuniziert, sich auf eine Himmels- bzw. Jenseitsreise begibt oder in den Körper eines Tieres eintritt. Tritt die Ekstase spontan und gegen den Willen des Betroffenen auf, spricht man von Besessenheit.
* Besessenheit: Früher eine generelle Bezeichnung für Geisteskrankheiten mit entsprechend ausgebildeter auffälliger Symptomatik, die man durch Exorzismus zu behandeln suchte.
Religiös: In allen Kultur- und Religionsformen, vor allem in solchen mit Geister- und Ahnenglaube, vorkommende abnorme Phänomene des Erlebens und Verhaltens, die als gezielte Einflussnahme übernatürlicher personifizierter Kräfte (Götter, Geister, Dämonen, Teufel etc.) gedeutet werden und deren sich die in Trance Versetzten, die dabei Sprache, Mimik und Verhaltensweise völlig ändern, meist nicht bewusst sind.[10] Im Unterschied zur Ekstase des Schamanen, der aktiv in der jenseitigen Welt agiert, wird hier der Geist des Betreffenden von einem anderen Geist übernommen und ist fremdbestimmt. Eliade rechnete daher die Besessenheit nicht mehr zum eigentlichen Schamanismus. Besessenheit kann in bestimmten Religionen (Umbanda, Voodoo, afrikanische Religionen) von dazu ausgebildeten Medien auch kultisch bewirkt und beendet werden und hat in solchen Fällen eine hohe Affinität zum Schamanismus.
* Magie, Zauberer, Medizinmann, Hexe/Hexer: Zu „Magie“ siehe weiter unten. Hexe/Hexer, die vor allem in afrikanischen Religionen vorkommen, werden stets negativ gewertet, sind aber nicht zu verwechseln mit dem weißen und schwarzen Schamanismus, der sich bei einigen Völkern jeweils auf die involvierten himmlischen und unterirdischen Wesenheiten bezieht (wobei letztere allerdings oft negative Bedeutungen haben, da sie mit dem Tod in Verbindung stehen).[11] Der Begriff Medizinmann ist kulturspezifisch vor allem für Amerika (wo er eine Bezeichnung der Weißen für die indianischen Schamanen war), Südasien und Ozeanien (siehe Abschnitt „Ethnischer Schamanismus“). Zauberer ist ganz allgemein ein unscharfer Begriff für jemanden, der Magie einsetzt, wobei beim meist abfällig gebrauchten Begriff des Zauberdoktors die Heilmagie für die Beobachter im Vordergrund steht.

Geschichte, konzeptuelle Problematik, Abgrenzungen und Formen des Schamanismus 
Schamanismus und Schamanen

Der Schamanismus wird wegen der Schwierigkeit, ihn klar gegen die eigentliche Religion im klassischen Sinne abzugrenzen, häufig recht allgemein phänomenologisch und anthropologisch als Auftreten „von Schamanen im Rahmen eines komplexen Systems von Glaubensvorstellungen“ definiert.[12] Es ist dies eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, dem sich alle kontroversen Forschungsmeinungen anschließen können. Weitgehend Einigkeit besteht in der Feststellung, dass es sich beim Schamanismus um die älteste, genauer nachweisliche Form religiösen Denkens beim Menschen handelt.[13] Der Schamanismus ist jedenfalls seit der frankokantabrischen Höhlenkunst des Aurignacien im Jungpaläolithikum relativ sicher nachweisbar, also ab etwa 30.000 B.P.,[14] nachdem die Entdeckung der Chauvet-Höhle mit ihren erstaunlich perfekten, einen langen Vorlauf voraussetzenden Bildern (sie kennen bereits die Perspektive) diese Grenze weit nach hinten geschoben hat.[15] Er ist bis heute weltweit in zahlreichen Religionen, Ethnien und Kulturen präsent, wobei Begräbniskulte, wie es sie schon bei den Neandertalern gab, etwa in den Höhlen von Shanidar und La Ferrassie vor 60.000 Jahren und in den Höhlen von Quafzeh und Skhul in Israel vor 90.000 bis 120.000 Jahren, auf ein noch viel höheres Alter religiöser Äußerungen hinweisen. Religiöses Erleben, das mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins verbunden zu sein scheint, begann vermutlich beim Homo erectus vor 500.000 Jahren, wie als Kulthandlungen interpretierbare arrangierte und bearbeitete Knochenreste Verstorbener vermuten lassen.[16][17]

Schamanen sind Menschen, die sich mit Hilfe von Ekstasetechniken auf transzendenten Wegen in metaphysische Regionen begeben, um dort für ihr gesellschaftliches Umfeld bestimmte nützliche Ziele zu erreichen.[18] Sie sind keine Priester im klassischen Sinne, die in systematisierten Religionen eine hierarchisch definierte Mittlerposition zwischen Gläubigen und Gottheit einnehmen und die Machtansprüche des religiösen Apparates vertreten. Vielmehr werden sie von der Gemeinschaft (Familie, Sippe oder Stamm) als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits betrachtet. Ihre Fähigkeiten beruhen nicht auf menschlich bestimmten Auswahlprinzipien, sondern werden ihnen von metaphysischen Mächten oft regelrecht aufgezwungen und machen sie zum Teil zweier Welten. Nur so ist ihre Vermittlertätigkeit überhaupt möglich. Die Übergänge zum Magier, Medizinmann oder Zauberer sind jedoch fließend und nicht genau abgrenzbar.[19] Oft folgen diese Bezeichnungen nur ethnologischen, kulturspezifischen bzw. lokalen Traditionen (z. B. bei den Indianern, s. u.) und sagen wenig oder nichts über das eigentliche geistige Substrat der ausgeübten Techniken aus. Trotz vieler Gemeinsamkeiten variieren sowohl die praktizierten Riten wie die dafür benötigten Utensilien zwischen den Ethnien erheblich. Das klassische, am sibirischen Schamanen orientierte Vollbild ist nicht überall gegeben. Vielmehr bestehen weltweit zahlreiche interkulturelle Varianten des Schamanismus und der Schamanen, so dass sich ein doktrinäres Vorgehen bei der Interpretation aus zeitlichen wie räumlichen Gründen verbietet.

Ausschlaggebend für das Verständnis von Schamanen und Schamanismus war zunächst jedoch tatsächlich der sibirische Schamanismus. Er gilt heute in der Forschung (siehe Abschnitt Forschungsgeschichte) historisch als Vorbild für ein – wie man später erstaunt herausfand – weltweites Religionsphänomen. Heute gilt er jedoch nur noch als ethnischer Spezialfall und keinesfalls als eine Art Urbild, da er ebenfalls zahlreiche Entwicklungen durchgemacht hat, zahlreiche Varianten aufweist (vor allem in Richtung nach Osten und Innerasien, wo die Ureinwohner Sibiriens ursprünglich herkamen) und insbesondere buddhistische, später auch christliche Einflüsse aufgenommen hat. Ihn als Urbild anzusetzen wäre außerdem eine unzulässige Vermischung von Ethnologie und prähistorischer Archäologie. Weitaus ältere Formen sind zum Beispiel der Schamanismus der Aborigines oder der San. Auch Aleuten, Eskimos und Indianer zeigen vielfach ein älteres Bild. Inzwischen ist es Konsens geworden, den sibirischen Schamanismus als eine – allerdings methodisch wichtige – ethnische Variante unter vielen anderen anzusehen. Bestimmte grundlegende Phänomene (Himmelsreise, Trance, Heilungen, Jenseitsreise, Riten etc.) sind bei ihm besonders einfach zu beobachten. Deshalb hat man sie lange Zeit in ihrer sibirischen Form als praktikable Modelle genommen, ohne jedoch einen Absolutheitsanspruch zu formulieren. Auch in diesem Artikel dient die Bezugnahme auf eine Art allgemein akzeptierten Standard als Referenzmodell, zumal der sibirische Schamanismus auch ethnisch mit dem amerikanischen und asiatischen eng verbunden ist.[20]
Geschichte des Schamanismusverständnisses

(Siehe dazu auch Forschungsgeschichte)
George Catlins Darstellung eines Medizinmannes der Schwarzfuß-Indianer, der Riten über einem sterbenden Häuptling vollführt, Beschreibung der Szene siehe[21]

Die ersten europäischen Reisenden beschrieben den Schamanismus seit Ende des 17. Jahrhunderts bei verschiedenen indigenen Völkern Sibiriens und Innerasiens in meist kolonialistisch-westlicher Überheblichkeit als primitiv. Die frühesten, meist deutschen und von der Aufklärung inspirierten Erforscher Sibiriens wie Georg Wilhelm Steller, Johann Gottlieb Georgi, Gerhard Friedrich Müller und andere verurteilten den Schamanismus als „erbärmliches und vulgäres Spektakel“ der Einheimischen und als „Irrglauben“ der Eingeborenen. Johann Gottfried Herder erneuerte das Verständnis indigener Religionen und schuf damit eine Gegenbewegung. Im Verlauf der deutschen Romantik verklärten dann Autoren wie Ferdinand von Wrangel den Schamanismus und bezeichneten Schamanen als „eingeborene Genies“, die als „kreative Persönlichkeiten mit scharfem Verstand, starkem Willen und sprühender Einbildungskraft“ ihrer Berufung folgten. Friedrich Schlegel zeigte in seiner Monographie Über die Sprache und Weisheit der Indier Verbindungen zwischen dem altindischen und germanischen Raum auf und war der Erste, der Sanskrit bei der Etymologie des Schamanismus-Begriffs mit einbezog.[22]

Weitere Faktoren, welche das Verständnis des Schamanismus beeinflussten, waren die russische Landnahme Sibiriens ab dem 17. Jahrhundert, die orthodoxe Christianisierung im 19. Jahrhundert und die Oktoberrevolution im 20. Jahrhundert. Durch diese sozial, wirtschaftlich und politisch-religiös umwälzenden Vorgänge wurde der Schamanismus zunächst als etwas Primitives, Unterentwickeltes, Heidnisches und zuletzt gesellschaftlich Reaktionäres diskriminiert.

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff dann im Gefolge der Forschungen von Wilhelm Radloff nach und nach von diesem spezifischen kulturellen Raum auf ähnliche Erscheinungen weltweit übertragen, als man Ähnlichkeiten erkannte. Die sich nun als Wissenschaft etablierende Ethnologie entwickelte zunächst dazu allerlei teils abstruse Theorien, in denen man etwa den Schamanismus als Zeichen „arktischer Hysterie“ (so der Anthropologe William W. Howells noch 1948) und den Schamanen selbst als psychopathischen Außenseiter seiner Gesellschaft denunzierte.[23] Mircea Eliade war es schließlich, der den Schamanismus aus einer kulturphilosophischen, mitunter allerdings sehr spekulativen Perspektive betrachtete und in ihm die gemeinsame Urreligion der Menschheit sah, die älteste Form des Heiligen, wobei er ihn allerdings verklärte und Schamanen als charismatische Heldengestalten ansah.

Solche Änderungen der wissenschaftlichen Sichtweisen spiegeln sich auch in der Terminologie. Die Bezeichnung eines Schamanen als Medizinmann wird von den indigenen Bevölkerungen Nordamerikas als einseitig und abwertend kritisiert, da sie dessen Funktion auf die Aufgabe eines exotischen „Wunderheilers“ einschränkt. George Catlin, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die amerikanischen Indianergebiete bereiste und darüber wertvolle und ausführliche Berichte hinterließ, schreibt: „Die Indianer bedienen sich jedoch nicht des Wortes »Medizin«, sondern jeder Stamm hat ein eigenes Wort dafür, das gleichbedeutend ist mit »Geheimnis« oder »Geheimnismann«“. Die Bezeichnung entstammte vielmehr dem Wortschatz und Sprachgebrauch der Weißen, die die genaue Funktion der indianischen Schamanen damals nicht begriffen und nur deren Funktion als Arzt bzw. Heiler sahen, die allerdings erst vor dem Hintergrund des geheimen Schamanenwissens möglich war. Da die französischen Händler einen Arzt als médecin bezeichneten, kam es zu diesem irreführenden Sprachgebrauch[24], zumal es bei den Indianern durchaus auch Schamanenpriester gab, die nicht gleichzeitig Medizinmänner waren, etwa bei den Pawnee.[25] Für noch abfälligere Bezeichnungen wie „Zauberdoktor“ usw. gilt ähnliches.
Problematik des Schamanismuskonzeptes

Ob der Schamanismus eine eigene Religionsform ist oder nicht, ist umstritten und hängt von unterschiedlichen Definitionen von Religion ab. Hoppál etwa meint, nachdem er zunächst den Schamanismus nicht als Religion im traditionellen Sinnen definierte: „Der Schamanismus ist ein kognitives Universum, das höchstens von außen betrachtet wie eine Glaubensvorstellung wirkt, von innen gesehen aber eine tiefe Überzeugung darstellt, denn sie wissen, sie wissen glaubend, und sie haben die (heilende) Kraft des Schamanen oft erfahren“.[26] Eine allgemein anerkannte und dazu scharf umrissene Definition von Schamanismus existiert jedenfalls nicht, vielmehr gibt es mehrere, je nach der ethnologischen, prähistorischen, kulturanthropologischen, psychologischen oder religionsgeschichtlich orientierten Betrachtungsweise. Meist versteht man darunter heute allgemein ein religiöses und/oder magisches Phänomen, das einen religiösen Mittler mit bestimmten psychischen Eigenschaften in seinem Zentrum hat.[27]

Zentrale Figur des Schamanismus und ihr eigentlicher Wesenskern ist somit der Schamane – der Priester ist das in den systematisierten Religionen ja nicht, sondern die Gottheit –, dessen besondere psychische Eigenschaften ihn zu Reisen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits befähigen, indem er aus sich heraus tritt (zu griech. ékstasis: Aussichherausgetretensein), und der diese besondere Fähigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Als wesentliche Elemente der schamanischen Praxis gelten daher die Interaktion mit Geistwesen, Trance bzw. Ekstase (veränderte Bewusstseinszustände) und das Motiv der Seelenreise. Insgesamt nimmt man an, dass es sich beim Schamanismus um eine der ältesten Formen des religiösen Verhaltens beim Menschen handelt.[28] Es ist aus weltweit hinterlassenen Zeugnissen zu erschließen und bis heute in verschiedenen Ethnien und Kulturen zu erkennen.[29] Damit hat das Phänomen Schamanismus von vornherein einen ethnisch-kulturellen wie einen prähistorisch-religiösen, dazu einen nicht zu unterschätzenden sozialen Aspekt. Der Religionswissenschaftler Joseph Campbell schreibt denn auch:

„Die gesellschaftliche Funktion des Schamanen war es, als Dolmetscher und Vermittler zwischen dem Menschen und den Mächten hinter dem Schleier der Natur zu wirken.“

– Mythologie der Urvölker, S. 327

Prähistoriker wie André Leroi-Gourhan, Henri Édouard Breuil, David Lewis-Williams und Annette Laming-Emperaire vermuten Hinweise auf Frühformen des Schamanismus schon in steinzeitlichen Funden, insbesondere in der frankokantabrischen Höhlenkunst.[30] Sie sind sich aber uneinig, ob es sich dabei nun um Schamanismus oder um Magie handelt, die als Begriff allerdings genauso unbestimmt definiert und ebenso umstritten ist wie der Schamanismus. Beide Begriffe sind aus der vorliegenden Literatur theoretisch nicht sinnvoll abzugrenzen, so dass sie etwa Leroi-Gourhan gleichrangig bespricht und auch den Begriff der „Religion“ nur in sehr beschränktem Sinn verwendet als „Manifestation solcher Tätigkeiten,… die den materiellen Bereich überschreiten“.[31] Da das schamanische und das magische Konzept ineinander übergehen, wie auch Eliade konstatiert,[32] bietet es sich an, beide hier gleichrangig zu besprechen und den grundlegenden Unterschied zwischen den aktiv magischen und den passiv schamanischen Praktiken im Einzelfall als sinnvolle Differenzierung zu verwenden:

* Der Schamane begibt sich, unterstützt von einem Hilfsgeist, in die jenseitigen Welten (durch Trance/ Ekstase) und bittet die dortigen Wesenheiten, also Götter wie den Herrn der Tiere oder den Hochgott, Geister, Ahnen usw., um Hilfe. Diese zielgerichteten Reaktionsweisen werden gerne den animistischen oder gar präanimistischen Kulturen der Jäger und Sammler zugeschrieben, aber auch noch den frühneolithischen Gesellschaften, wo er in den von Jensen so genannten altpflanzerischen Gesellschaften (gemeint sind hier Pflanzenbeuter, die noch nicht systematisch anbauen) schwächer und modifiziert auftreten soll und nicht mehr im Zentrum des religiösen Lebens steht.[33][34]
* Der auch Zauberpriester genannte Magier hingegen beschwört diese oder doch wesentliche metaphysische Kompetenzen von ihnen zu sich, ist also bereits Vertreter einer Welt, in der der Mensch gewohnt war, seine Umgebung direkt zu beeinflussen. Er tritt frühestens seit dem Neolithikum auf, als eine Entwicklung mit dem Priester als machtpolitischem Religionsfunktionär im aktiven kultischen Zentrum einsetzte, die zum Polytheismus führte.[35]

Tatsächlich kommen schamanische und magische Praktiken häufig als Mischformen vor, was die Schwierigkeiten bei ihrer Einordnung im jeweils akuten Fall mit erklärt.[36] In seiner Definition umschrieb Vajda 1964 den Schamanismus mit folgenden acht Hauptcharakteristika:

1. Element der virtuellen Ekstase
2. Tiergestaltige Geisterhelfer
3. Berufungserlebnis durch nicht tiergestaltige Geister
4. Initiation
5. Jenseitsreise der Seele des Schamanen
6. Bestimmte vielschichtige Kosmologie
7. Kampf des Schamanen mit den Geistern
8. Schamanenausrüstung[37]

Vor allem diese Diskrepanz zwischen Schamanismus auf der einen und Magie auf der anderen Seite bereitet bis heute Probleme. Selten lassen sich reine Formen dieser beiden Weltbewältigungstechniken finden, die sich der Mensch erdachte, um das ihm Unverständliche zu erkennen und es auf diese Weise beeinflussen zu können; jedoch eher defensiv im Schamanismus und eher aggressiv in der Magie, so dass Eliade kursorisch feststellt: „Im allgemeinen lebt der Schamanismus mit anderen Formen von Magie und Religion zusammen“.[32] Man entgeht den enzyklopädischen Definitionsproblemen des Schamanismus am besten dadurch, dass man grundsätzlich zwei parallele, vor allem anthropologisch ausgerichtete Konzepte[38] akzeptiert, welche gleichzeitig die beiden hauptsächlich in der Forschung diskutierten Richtungen und deren jeweilige Interessenvektoren repräsentieren:

1. Das zeitlich horizontale, aber geographisch multifokale Konzept des ethnischen Schamanismus, wie er sich bis in die Gegenwart aufgrund ethnologischer Forschungen ausgehend von den sibirischen Formen in den verschiedenen Weltgegenden präsentiert.
2. Das zeitlich vertikale, geographisch-archäologisch eher akzidentelle Konzept des Prähistorischen Schamanismus, der sich vor allem auf verschiedene Erscheinungsformen im Verlauf der Vor- und Frühgeschichte und mit Reduktionsformen und Residuen in der eigentlichen Geschichte nachweisen lässt und sich vorwiegend auf Darstellungen in Höhlen- und Felsbildern, Statuetten und Begräbnisriten stützt, später auch auf aktuelle ethnologische Befunde und Quellen.

Auf diese Weise lassen sich Mischformen zwischen beiden Konzepten postulieren und akzeptieren, die durchaus vorwiegend magisch daherkommen können. Selbst die schamanischen Spuren in den großen Weltreligionen lassen sich so befriedigend im Sinne einer „methodischen Mengenlehre“ darstellen, bei der die Beziehungen der verschiedenen Teilmengen von Interesse sind. Die moderne Forschung geht zunehmend diesen Weg. Dass die Trennung dieser beiden Betrachtungsaspekte keineswegs willkürlich ist, sondern dass ihr ein übergreifendes psychologisches Muster zugrunde liegt, hat schon Joseph Campbell erkannt, denn er schreibt im 1. Teil seines 1959 erstmals erschienenen, grundlegenden Werkes zur „Mythologie der Urvölker“:

„Als wesentlicher Punkt, …, lässt sich festhalten, dass im Erscheinungsbild der Mythologie und Religion zwei Faktoren unterschieden werden müssen: der nicht-historische und der historische. Im religiösen Leben der »zupackenden«, allzu geschäftigen oder schlicht unbegabten Mehrheit der Menschen überwiegt der historische Faktor. Das ganze Ausmaß ihrer Erfahrung bewegt sich im öffentlichen Bereich ihrer Kultur und lässt sich historisch untersuchen. In den geistigen Krisen und Erkenntnissen der »einfühlenden« Personen mit mystischem Einschlag jedoch ist es der nichthistorische Faktor, der überwiegt, und für sie ist die Bilderwelt ihrer Überlieferung – einerlei wie hoch entwickelt sie sein mag – lediglich ein mehr oder weniger taugliches Mittel dazu, eine Erfahrung wiederzugeben, von der sie jenseits des Gesichtskreises dieser Bilderwelt mit unmittelbarer Gewalt getroffen wurden. Denn religiöse Erfahrung ist psychisch und im tiefsten Sinne spontan; sie vollzieht sich im Inneren und wird von historischen Umständen gefördert oder behindert, ist aber von der Hudson-Bay bis Australien, vom Feuerland zum Baikalsee in gleichem Maße konstant.“

– Die Mythologie der Urvölker, S. 296.

Abgrenzung des Schamanismus und religionsgeschichtliche Aspekte

Hultkrantz definiert: „Der Schamanismus bildet ein religiöses Glaubenssystem, das auf religiöser Erfahrung und sakralen Mythen sowie auf Riten beruht. Letztere finden ihren Ausdruck durch kulturspezifische schamanistische Techniken, unter denen Trance oder Ekstase eine hervortretende Rolle spielen.“[39]
Frühformen des Schamanismus in der Religionsgeschichte sind rein historisch betrachtet relativ eindeutig und nur insofern umstritten, als Uneinigkeit darüber herrscht, ob sie eher im Paläolithikum oder im Neolithikum anzusiedeln sind.[40] Problematisch wird der Schamanismus als postuliertes Phänomen der Gegenwart in den unterschiedlichsten Ethnien und sogenannten Naturreligionen, mit dem anschließenden Versuch einer historischen Einordnung oder gar Ableitung. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass selbst statische Gesellschaften von sogenannten Naturvölkern innerhalb größerer Zeiträume Veränderungen unterliegen. Deren Ursache, etwa Klima- und andere Umweltveränderungen, Wanderungen oder Invasoren, sind wegen der Schriftlosigkeit solcher Völker meist kaum bekannt, genauso wenig wie die Faktoren, die auf die imaginativen Bereiche dieser Kulturen eingewirkt und diese verändert haben. Lediglich die Mythen dieser Völker können Hinweise bieten, doch ist diese Quelle, wie Thomas Mann in der Einleitung zu Joseph und seine Brüder schreibt und worauf sich Campell in der Einleitung zu „Mythologie der Urvölker“ ausdrücklich bezieht, „möglicherweise gänzlich unerlotbar“. Ein Beispiel für diese wissenschaftliche Problematik ist das angeblich völlige Fehlen des Schamanismus auf dem afrikanischen Kontinent, in Melanesien mit Neuguinea, in Polynesien, im gesamten Bereich der archaischen Hochkulturen und ihren Einflussgebieten einschließlich der präkolumbianischen Hochkulturen, in Europa, Vorder-, Mittel- und Südasien sowie in den zentralen Teilen Indonesiens.[41] In Anbetracht des terminologischen Wirrwarrs bei diesen sogenannten Naturreligionen seien daher zunächst einige konzeptuell überwölbende und/oder konkurrierende, sich überschneidende oder auch nur phänomenologisch oder als Teilaspekte relevante Begriffe mit ihren Beziehungen zum Schamanismus kurz dargestellt.
Schamanismus, Magie und Religion

Die komplexe Beziehung der beiden Begriffe Magie und Schamanismus wurde schon weiter oben dargestellt, auch die Umstrittenheit dieser Beziehung in der Wissenschaft. Dies liegt vor allem an definitorischen Unschärfen sowie an der Tatsache, dass der neutrale Begriff „Schamane“ nach und nach die diskreditierten oder noch unschärferen Begriffe wie Zauberer, Hexe(r), Medizinmann, Magier etc. ersetzte.[42] Religionsgeschichtlich lassen sich somit Schamanismus und Magie nicht voneinander trennen oder gar abgrenzen. Sie sind vielmehr, wie schon Bronislaw Malinowski feststellte, wie die Religion unterschiedliche Teile des Sakralen, also des Übernatürlichen, die sich in ihren Zwecken unterscheiden. Dabei sind Magie und Schamanismus auf unterschiedliche Weise zielgerichtet. Religion entspricht hingegen einem System von Handlungsformen, das seinen Zweck in sich selbst hat. Religiöse Handlungen werden ausgeführt, weil es Brauch ist, sie angeordnet wurden oder weil ein Mythos dies verlangt.[43] Die Beschreibung der Beziehungen der drei Begriffe erfolgte psychologisch bei Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, ökonomisch und soziologisch bei Max Weber, Émile Durkheim, Marcel Mauss und Karl Marx, kulturphilosophisch bei Oswald Spengler, Leo Frobenius und de facto zumindest partiell auch bei Mircea Eliade, ja sogar evolutionsbiologisch und anthropologisch mit teils bedenklichen Folgen bei Herbert Spencer und Edward Tylor. Die jeweiligen Perspektiven sind nie völlig falsch, indes auch nie vollständig. Die vorwiegend ethnologische Betrachtungsweise hat sich allerdings, abgesehen von den bis zu einem gewissen Grade spekulativen archäologischen Befunden zu den vorgeschichtlichen Religionen, inzwischen als die objektivste durchgesetzt. (Weiteres s. unten in „Forschungsgeschichte.“)
Der französische Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss verfolgte einen strikt soziologischen Ansatz. Er sah die sozialen Bedingungen als entscheidende Determinante der Unterscheidung zwischen magisch aktivem Schamanen und Religion: „Es ist also die Anschauung, die den Magier und seine Einflüsse schafft.“[44] Die Magie ist demnach der Religion entgegengesetzt und vor allem geschicktes Handeln, wobei der Schamane an die Realität seiner Macht glaubt. Schamane, Hexer und Häuptling sind Resultat von Rollenkonstruktionen, die durch kollektive Erwartungen gesichert und bestätigt werden. Die Bewertung von Besessenheitsphänomenen hängt dabei von den Grenzen der Normalität ab, welche in der Gesellschaft gezogen sind. Heilige Dinge sind somit stets soziale Dinge. Die Funktion des Opfers ist dabei, eine Verbindung zwischen der heiligen und der sozialen Welt herzustellen.[45]
Animatismus, Animismus, Animalismus, Totemismus, Fetischismus, Pantheismus

Zuerst seien einige verwandte Begriffe betrachtet, die in der Theorie mitunter eng mit dem Schamanismus verwoben sind oder waren und teils ergänzende oder konkurrierende, von oft isolierten Phänomenen ausgehende Konzepte ausbildeten oder in deren Mittelpunkt standen bzw. noch stehen.

Animatismus[46]
Animatismus galt zeitweise als allererste Form religiösen Denkens, wurde daher auch als Präanimismus bezeichnet und vor allem in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts heftig diskutiert. Die von Adolf Ellegard Jensen so genannte Zaubertheorie wurde von ihm in Mythos und Kult bei Naturvölkern heftig kritisiert und ist heute obsolet.[47] Ihr Urheber, Konrad Theodor Preuss, legte seiner Theorie einen eher verschwommenen Begriff des Zauberns zugrunde, bei dem der Mensch glaube, er könne auf die Götter einwirken und die Erfüllung seiner Wünsche erzwingen, also ein wesentlich magisches Verhalten, das erst für das Neolithikum eindeutig zu belegen ist.[48] Die Zaubertheorie, die im Gegensatz zum Animismus richtige Götter vorsah, galt zunächst als großen Fortschritt gegenüber der Animismustheorie Tylors.

Animismus[49]
Der Skarabäus war im Alten Ägypten eines der beliebtesten Amulette. Hier aus dem Grab des Tutenchamun als Anhänger mit Sonnensymbol. Er diente der Abwehr böser Naturgeister, war also ein animistisches Requisit.

Der von Edward Burnett Tylor 1871 eingeführte Begriff Animismus wird häufig missverständlich im Sinne von Pantheismus verwendet. Man muss dabei unterscheiden zwischen:[50]

* Animismus als Religionstheorie: Tylor sah in der anima ein schattenhaftes Gebilde, das verschiedenen Objekten belebend innewohnen konnte. Er hielt dies, hier ein Kind der Kolonialismusepoche, für ein charakteristisches Zeichen der Vorstellungswelt der „Primitiven“, die glaubten, alles habe eine Art Seele und die Welt sei von einer Unzahl von Geistern bevölkert. Seine Annahme, diese Vorstellung habe sich quasi evolutionär darwinistisch über den Polytheismus zum Monotheismus entwickelt, gilt heute als obsolet, ebenso die Konzeption einer Einheitlichkeit solcher Seelenvorstellungen. Wissenschaftlich wird der so definierte Begriff in der Religionstheorie heute daher weitgehend vermieden.[51]
* Animismus als allgemein religionsgeschichtliches Phänomen eines Seelen- und Geisterglaubens: Diese Begrifflichkeit ist für das Verständnis des Schamanismus grundlegend. Sie bedeutet in der Religionswissenschaft die Vorstellung von personenhaften, in Hierarchien eingeordnete Wesen: Geister, Ahnen und Dämonen, welche vor allem die Zwischenwelt zwischen Menschen und höchsten Wesenheiten vor allem als Natur- und Ahnengeister bevölkern und über begrenzte metaphysische Macht verfügen. Der weiter unten unter den Merkmalen des Schamanismus genauer besprochene Ahnenglaube, aus dem sich seit dem Neolithikum der Ahnenkult entwickelte, zunächst als wesentlicher Teil des Schamanismus, in späteren Formen auch zahlreicher anderer Religionen, hat hier seine geistige Grundlage.[52] Man kann sich dieser Geister Hilfe durch geeignete Mittel bedienen, die dem Schamanen zur Verfügung stehen, oder sie etwa, sofern bösartig, durch Amulette abwehren. Als bestimmende Erscheinungsform des Heiligen ist der Animismus jedoch nicht auf den Schamanismus beschränkt, sondern tritt im Zusammenhang mit anderen Religionsformen auf oder bildet gar deren Grundlage. Selbst in den modernen Weltreligionen findet er sich als Strukturelement.
* Animismus als Phänomen der kindlichen Entwicklungspsychologie. Diese vor allem von Jean Piaget eingeführte Bedeutung ist hier nur insoweit relevant, als sie entwicklungspsychologische mit ethnologischen und religionspsychologischen Elementen verknüpft. Sigmund Freud definiert den Animismus wie folgt:

„Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklärung eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkt zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solche Denksysteme, drei große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: die animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt.“

– Totem und Tabu, S. 127

Freuds und Piagets Meinung allerdings, der Animismus sei bei Kindern (und Neurotikern) der westlichen „zivilisierten“ Gesellschaften derselbe wie bei Erwachsenen der sogenannten Naturvölker oder „primitiven Gesellschaften“, wurde von Margaret Mead bereits 1928/29 widerlegt, die bei Untersuchungen von Kindern des Manus-Volkes auf Neuguinea nachwies, dass diese keinerlei Anzeichen einer Personifizierung von Gegenständen zeigten.[53] Sie zog daraus den Schluss, dass bereits der kindliche Mensch Tendenzen zum animistischen wie auch zum rationalen Ursache-Wirkungs-Denken besitzt, die je nach dem Erziehungsmuster gefördert oder unterdrückt werden, wobei im Falle der Manus im Verlaufe des Erziehungsprozesses eher die rationale, nicht animistische Denkweise bei den Kindern unterdrückt wurde und sie daher erst als Erwachsene zum animistischen Denken tendierten.[54]

Animalismus[55]
Sobek, der Gott mit dem Krokodilkopf, hier in einem Relief seines Tempels in Kom Ombo, ist ein Vertreter der alten animalistischen Götter Ägyptens.
Totempfahl der Tlingit in Ketchican, Alaska

Gemeint ist hier nicht der philosophisch-soziologische Begriff Werner Sombarts, vielmehr das religionsgeschichtliche Konzept, das im engeren Sinne die kultische Verehrung bestimmter Tiere umschreibt, die als beseelt und damit als Sitz höherer Mächte angesehen werden. Er gehört noch in die schamanische Vorstellungswelt der Jäger und Sammler. Ausdruck des Animalismus ist die sogenannte Jagdmagie, die Vorschriften für die Vorbereitung, Ausführung und Beendigung der Jagd enthält und in deren Zentrum der Herr der Tiere oder die Herrin der Tiere steht, die um Erlaubnis gebeten und für den Verlust, den sie durch die Jagd erlitten haben, entschädigt werden müssen (etwa durch Opferung bestimmter Teile wie Knochen, Fell etc.).[56] Viele Höhlenbilder und Felsbilder werden von der Forschung als Jagdmagie gedeutet, obwohl es hier zahlreiche Kontroversen gibt. Insgesamt findet sich hier bereits eine Verengung des Animismus auf bestimmte Tiere. Bereits auf den Felsbildern des Paläolithikums findet man dabei Hinweise auf die Theriokephalie, die Tierköpfigkeit menschlicher Gestalten, die hier noch als eventuell maskentragende Schamanen gedeutet werden.[57] Im Neolithikum ist die Theriokephalie, in ihrer Maskenform ohnehin eine Spätentwicklung im Zusammenhang mit Hochreligionen (s. u.), dann aber möglicherweise bereits Zeichen des Überganges von Tiergöttern zu Göttern mit Tierattributen, wie man sie etwa im ägyptischen Pantheon reichlich findet.[58]

Totemismus[59]
„Im Totemismus kann man sozusagen zwei Verhältnisglieder unterscheiden, ein Subjekt (eine Menschengruppe) und ein Objekt (ein Totem)“. Man unterscheidet einen Sippentotemismus, einen geschlechtergebunden Totemismus und einen Individualtotemismus. Totems sind meist Tiere, seltener Pflanzen, sehr selten Gegenstände. Sie sind nicht göttlicher Natur oder ein höheres Wesen, sondern signalisieren eine intensive Verbindung[60]
Der schon von John Ferguson McLennan, Émile Durkheim, James George Frazer und anderen eingeführte und theoretisch diskutierte Begriff des Totems ist in Sigmund Freuds berühmter Schrift Totem und Tabu einer tiefenpsychologisch-kulturanthropologischen Analyse unterzogen worden, die bis heute weitgehend Gültigkeit hat. Der von den nordamerikanischen Indianern (den Ojibwa, einem Stamm der Algonkin) geprägte Terminus bezeichnet zunächst die unter dem Schutz des durch das Totem bezeichneten Tiergeistes stehende Stammes- oder Clanidentität, welche durch eine mystische Verwandtschaft begründet ist. Ein Totem gilt aber auch als Schutztier von Einzelpersonen. Es ist damit eine spezielle Ausdrucksform des Animalismus, bei der die integrative und Schutzfunktion eines häufig gefährlichen oder imposanten Tieres im Vordergrund steht, das gewöhnlich von der Jagd ausgenommen bleibt. Es ist jedoch schwierig, ein Totem als Phänomen allgemeingültig und mit allen weltweiten Varianten zu definieren, wie Claude Lévi-Strauss gezeigt hat.[61] In der Religionsgeschichte ist der Totemismus daher die Gesamtheit der Theorien, die im Totem den Ursprung der Religion oder die Grundlage von Verhaltensweisen und Institutionen in archaischen Gesellschaften sehen wollen.[62] Hinweise für einen Totemismus liefert bereits die paläolithische Höhlenkunst, vor allem der Bärenkult.[63] Auch im frühen Neolithikum hat es den Totemismus eindeutig gegeben.[64] In rezenten Kulturen ist ein Totem jedoch häufig nur noch ein rein äußerliches, figuratives Symbol der Gruppenzusammengehörigkeit. Die älteste, relativ sicher interpretierbare Form des Totemismus findet sich bei den Aborigines Australiens.[65] Vor allem bei Tokarew bildet der Totemismus eine wesentliche Grundlage seiner Deutung früher und „primitiver“ Religionen, die er wie alle Religionen als „eine Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, eine Form der Ideologie“ betrachtet.[66]

Fetischismus
Fetisch-Altar des Voodoo

Der Fetisch (zu lat. factitius: nachgemacht, künstlich; in den afrikanischen Sprachen gibt es dafür keine Entsprechung) – gemeint ist hier nicht die der Anthropologie entlehnte psychologische, sondern die religionsgeschichtliche Bedeutung –, bezeichnet einen Gegenstand mit metaphysischer persönlicher oder unpersönlicher Macht. Dieses ursprünglich aus Westafrika stammende Konzept ist im Grunde wie der Totemismus eine eingeschränkte Spielart animistischer Grundvorstellungen, die ohnehin zu einer gewissen Partikularisierung neigen,[67] nicht jedoch, wie der französische Geograph Charles de Brosses 1760 in seinem Buch Du culte des dieux fétiches annahm, der Ursprung aller Religion.[68]Jeder Gegenstand kann zum Fetisch werden. Amulette sowie die sogenannten Wächterfiguren des afrikanischen Ahnenkultes sind Spezialfälle des Fetisches, der ansonsten durchaus magische Qualitäten entfalten kann und bei Versagen einfach durch einen neuen ersetzt wird. Der Fetischismus ist somit keine eigentliche Religion, sondern ein Phänomen, das in andere Religionen eingebettet ist und von der Macht höherer Wesenheiten abhängt. Der christliche Reliquienkult des Mittelalters ist im übrigen wohl ein Restbestand des animistischen Fetischismus. Verbreitet ist der Fetischismus in der Moderne vor allem im aus Westafrika, vor allem Benin stammenden Voodoo. Ob es sich bei fetischistischen Vorstellung mehr um abstrakt symbolische Vorgänge oder um konkret reale handelt, also um den noch in der christlichen Theologie (z. B. beim Abendmahl) virulenten Unterschied zwischen „bedeuten“ und „sein“, ist umstritten.

Pantheismus[69]
Der vom niederländischen Theologen J. de la Faye 1709 geprägte Begriff des Pantheismus (zu griech. pan: alles und griech. théos: Gott) hat mit den frühen religionsgeschichtlichen Phänomenen etwa des Animismus nichts zu tun, wird aber gerne mit ihnen verwechselt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine vor allem im 18. Jahrhundert in Europa aktuelle philosophische Strömung, die ihren Höhepunkt im Pantheismusstreit fand, an dem sich unter anderem Herder, Goethe und Immanuel Kant beteiligten und der letztlich in den deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts und in die Romantik mündete.
Dieser auch „Allgottlehre“ genannte philosophische Pantheismus postuliert, dass Gott in allen Dingen lebt (Spinoza: Sive deus sive natura), ja das Leben des Weltalles selbst ist, Gott und Natur eins seien. Gemeint ist hier, obwohl bereit griechische Philosophen der Antike das Konzept erdachten, ausschließlich der abrahamitische Gott, nicht die von Geistern bevölkerte und durch sie belebte Natur in der Vorstellung der Menschen der Vorgeschichte. Eine Variante davon ist der Panvitalismus, der das All als solches für grundsätzlich von belebter Materie erfüllt sieht. Eine weitere philosophische Variante stellt der Panentheismus dar. Inwieweit all diese Konzepte von dem Menschen inhärenten animistischen Vorprägungen bestimmt sind, ist eine interessante Frage, die in den Bereich führte, der durch die evolutionäre Erkenntnistheorie bestimmt wird.
Schamanismus, Polytheismus und Priestertum

Polytheismus[70]
Im Unterschied zum seit dem 17. Jahrhundert philosophisch diskutierten Deismus, der einen unpersönlich und passiv außerhalb der Welt stehenden Schöpfergott postuliert (Uhrmachergott) und dem Theismus, der an einen einzelnen Schöpfergott als persönlichen und eingreifenden Weltlenker-Gott glaubt, der aber nicht wie im Pantheismus in allen Dingen wohnt, versteht man unter Polytheismus allgemein die Verehrung vieler, meist personal und funktional differenzierter Götter (griech. polýs: viel), vor allem im Gegensatz zum Monotheismus (griech. mónos: allein, einzeln, einzig), der nur eine einzige, meist als absolut allmächtig empfundene Gottheit kennt. Eine Zwischenform stellt der Henotheismus dar (griech. hén, Gen. henós: einer), bei dem ein höchster Gott verehrt wird, der jedoch andere, niederere Götter neben sich hat (afrikanische Religionen zeigen das Phänomen oft). Religionsgeschichtlich lässt sich häufig eine Entwicklungslinie Polytheismus → Henotheismus → Monotheismus ziehen.[71] Ob diese Linie mit Animismus/Schamanismus → Animalismus → Theismus/Polytheismus beginnt, ist allerdings hoch umstritten. Nur die Tatsache, dass Animismus/Schamanismus die früheste erkennbare Form religiösen Verhaltens darstellen, ist einigermaßen akzeptiert.[40]

Priestertum[72]
Der Priester (aus griech. presbýteros: der Ältere) wiederum ist ein Produkt dieser Entwicklungslinie und hat sich, dies ist kaum umstritten,[73] vom Schamanen/Magier, der ja bereits Opferzeremonien leitete – das lateinische Wort für Priester ist sacerdos, also der „das Opfer Gebende“, ähnlich griech. ireys zu iereion Opfertier – zum in einer speziellen Schule ausgebildeten Religionsfunktionär entwickelt, dessen Machtposition sich aus der vor allem kultischen Wissens- und Mittlerrolle zwischen Gott/Göttern und dem Gläubigen ergibt. Roman Herzog weist darauf hin, dass bereits der Schamane schon gewisse priesterliche Eigenschaften besessen haben dürfte, die ihm als Einzelperson ohne organisatorische Basis dennoch aus seiner Deutungsmacht über die jenseitigen Dinge zuwuchsen. Das eigentliche Priestertum im moderneren Sinne begann erst nach der Entstehung solcher bald machtrelevanten Substrukturen, wie sie im Neolithikum aufgrund der ortsgebundenen Wirtschaftsweise notwendig wurden und relativ bald zu einem religiösen Spezialistentum führten, das sich neben dem militärischen und administrativen auszubilden begann.[74]
Dabei könnte es im Monotheismus wiederum eine Weiterentwicklung gegeben haben zu dem, was vor allem christliche Priester ihre Berufung nennen und was wiederum erstaunliche Ähnlichkeiten zu den oft schmerzhaften Berufungen der Schamanen aufweist.[75] Auch Religionsstifter, Heilige und Kirchenväter wie Paulus von Tarsus, Hieronymus, Augustinus, Antonius von Padua und Propheten haben derartige oft intensive Berufungen erlebt, die wie bei den Schamanen durchaus nicht immer freiwillig waren, sondern mitunter Resultat eines schmerzhaften, oft mit heftiger Gegenwehr verbundenen Erkenntnisprozesses, in dessen Verlauf durchaus ekstatische Elemente auftraten.

Das äußere wie innere Wesen des Priestertums wurde allerdings im Laufe der Geschichte und in den verschiedenen Religionen naturgemäß ganz verschieden verstanden und zeigt ein Spektrum, das vom kirchlichen Verwaltungsbeamten und oft erblichen Tempel-Machtpolitiker bis zum mystischen Heiligen reicht und vor allem im letzteren Falle oft noch erhebliche schamanische Anteile enthält. Gemeinsam ist all diesen Formen jedoch der Anspruch einer engen Beziehung zum oder gar der Herrschaft über den Bereich des Heiligen als Grundlage religiöser Erfahrungen weltweit, wie sie auch Eliade als Bewusstseinsstruktur postuliert.[76] Über diese Sphäre verfügte im Grunde bereits der Schamane,[77] der mitunter auch die Bezeichnung Zauberpriester führt. Manche Ethnien kennen beide Funktionen des kultischen Experten und des Zauberpriesters in Personalunion, aber immer mehr auch getrennt. Gewöhnlich behält im Laufe der Entwicklung ersterer die Oberhand,[78] vor allem dann, wenn sich die kulturellen und ökonomischen Grundlagen etwa vom Jäger-Sammler (Schamanentum und/oder Magier) zum Bauern und Hirten (Priestertum) wandeln.[79]
Max Weber, der als Hauptunterscheidungskriterium zwischen Schamane/Magier und Priester die fehlende Rationalisierung der metaphysischen Vorstellung und die fehlende Ethik sowohl beim priesterlosen Kult wie bei den kultlosen Zauberern benennt (zu denen er auch die Schamanen rechnet, die vor allem an epileptischen Anfällen zu erkennen seien[80]), trifft in seiner „Religionssoziologie“ ebenfalls diese funktionale Unterscheidung zwischen beiden Wirksphären und weist zu Beginn seines Kapitels § 2. Zauberer – Magier auf das verbindende Merkmal des Magischen hin:

„Die soziologische Seite jener Scheidung aber ist die Entstehung eines „Priestertums“ als etwas von den Zauberern zu Unterscheidendes[81] Der Gegensatz ist in der Realität durchaus flüssig, wie fast alle soziologischen Erscheinungen. Auch die Merkmale der begrifflichen Abgrenzung sind nicht eindeutig feststellbar. Man kann entsprechend der Scheidung von „Kultus“ und „Zauberei“ als „Priester“ diejenigen berufsmäßigen Funktionäre bezeichnen, welche durch Mittel der Verehrung die „Götter“ beeinflussen, im Gegensatz zu den Zauberern, welche „Dämonen“ durch magische Mittel zwingen. Aber der Priesterbegriff zahlreicher großer Religionen, auch der christlichen, schließt geradezu die magische Qualifikation ein. Oder man nennt „Priester“ die Funktionäre eines regelmäßigen organisierten stetigen B e t r i e b s der Beeinflussung der Götter, gegenüber der individuellen Inanspruchnahme der Zauberer von Fall zu Fall.“

– Wirtschaft und Gesellschaft, S. 259

Mögliche Spuren von Schamanismus in den modernen Religionen und ihre Ursachen

Diese Spuren sind vielfältiger, als man gemeinhin denkt.[82] Eine Untersuchung der Wandlungsprozesse in ihren Entwicklungsphasen könnte Antworten auf die Frage nach den Ursachen und ersten Formen des religiösen Denkens liefern, also nach der grundlegenden Psychologie der Religionen. Da der Schamanismus nun einmal die älteste uns bekannte und erschließbare Form dieses religiösen Denkens darstellt[83] und zudem bis heute in nicht wenigen Ethnien praktiziert wird (siehe Abschnitt „Ethnischer Schamanismus“), scheint hier eine Möglichkeit gegeben, die Urformen dieses Denkens ohne die enormen Zeitdistanzen, die sonst die Erforschung früh- und vorgeschichtlicher Religionen behindern, in vivo zu untersuchen. Dabei sind allerdings die potentiellen Diskrepanzen zwischen „ethnisch“ und „historisch“ sorgfältig zu beachten.
Rezente religiöse Phänomene 
Der Heilige Francis Borgia (1530–1572), General der Jesuiten, beim Exorzismus; Gemälde von Francisco de Goya

In praktisch allen Religionen[84] bis hin zu den „modernen“ Weltreligionen finden sich zahlreiche schamanische und magisch interpretierbare Reste. Allerdings handelt es sich dabei nicht um regelrechte Schamanenpraktiken, sondern um Brauchtum, tradierte Rituale und Symbole, die sich zumindest formal bis heute gehalten haben und dabei alte religiöse Reste von grundsätzlicher Natur mittransportieren. Dazu gehören etwa Jenseits-, Geister-, Seelenwanderungs- und Unsterblichkeitsglaube sowie der Glaube an besonders begabte oder beauftragte Mittler. Dabei liegt vermutlich weniger eine Aussage über den Glauben unserer Ahnen vor als über die grundlegende Verwandtschaft unseres Bewusstseins und seiner Strukturen mit dem ihrigen. Dieses moderne Bewusstsein steht nach Rupert Riedl dem unserer Ahnen, das bei ihnen als Anpassungsprodukt an ihre noch relativ einfache Welt entstanden war, weit näher als wir zugeben mögen. Dies erklärt nicht wenige unserer heutigen zivilisatorischen Probleme, da, so Riedl, die zivilisatorische Entwicklung der genetischen davongaloppiert sei.[85] (Weiteres s. u. „Kognitiver Dualismus“ und „Participation mystique“).

Derartige Einflüsse finden sich nicht nur bei den alten mediterranen Kulturkreisen und ihren längst ausgestorbenen Religionen, sondern auch, wie Hultkrantz feststellt, im Hinduismus, Daoismus, Schintoismus, Zoroastrismus oder Buddhismus, die durch den Schamanismus besonders massiv beeinflusst wurden,[86] ebenso wie in den indigenen asiatischen, ozeanischen, australischen, amerikanischen und afrikanischen Religionen, denen man aufgrund ihres meist sehr viel höheren Alters und damit ihrer Nähe zu „altertümlichen Konzepten“, die inzwischen in der Esoterik modernistisch für den Westen adaptiert wurden, noch eine gewisse Archaik zuschreiben könnte. Zudem gilt speziell für den Buddhismus eine gewisse Ausnahme von der Regel, dass der Schamanismus durch die Entwicklung von staatlichen Systemen und Priesterhierarchien behindert wird, denn die buddhistische Religion und die ostasiatischen Königreiche haben mit dem lokalen Schamanismus koexistiert und ihn ideologisch inspiriert.[87]

Auch in den abrahamitischen Religionen des Monotheismus finden sich potentielle schamanische Spuren, zumal hier zumindest das Judentum ebenfalls sehr alt ist sowie nach Finkelstein und Silberman eine Vergangenheit im Polytheismus besitzt.[88] Im katholischen und orthodoxen Christentum, einmal abgesehen von allerlei Brauchtum, sind die Transsubstantiation während der Messe oder der Exorzismus, aber auch die Höllenfahrt Christi, dazu die Wunder, die er gewirkt haben soll (Dämonenaustreibungen und Heilungen bis hin zur Wiedererweckung von Toten) durchaus schamanisch-magisch grundiert. Ebenso zeigt die kosmologisch dreigeteilte Welt (hier Paradies, Erde, Hölle/Fegefeuer) diese Symptomatik. Die Versuchungen Jesu zeigen überdies Züge eines ekstatischen Erlebnisses.

Auch der Protestantismus hat zahlreiche dieser Traditionen und Vorstellungen übernommen. Ähnliches gilt für die Vorstellungen von Dschinns und Engel im Islam, der ohnehin viele dieser Elemente aus der altarabischen und stark schamanisch-magisch konfigurierten Religion übernommen hat und mit der Himmelfahrt Mohammeds, der Mi'radsch bzw. Isra,[89] zudem als Jenseitsreise ebenfalls ein zentrales Schamanenelement besitzt (sogar mit einem begleitenden Tiergeist, dem Pferd Buraq).[90] Diese Jenseitsreise kennt mythisch zahlreiche Vorgänger: Der Orpheus-Mythos dürfte allerdings wie andere einschlägige Mythen eine Form des neolithischen Fruchtbarkeitsmythos vom „Sterbenden Gott“ sein. Er war schon altägyptisch im Osirismythos präsent und erscheint in zahlreichen Agrarmythen weltweit bis hin zur Dema-Gottheit Jensens. Selbst die Schutzengel des Christentums finden sich als Schutzgeister schon im Schamanismus,[91] ebenso die Dämonen,[90] desgleichen die Vorstellungen vom Seelengeleit (christlich: Aussegnung) und von der Unterwelt. Überhaupt sind Segen und Weihe kaum kaschierte Abkömmlinge schamanischer Schutzzauber, also das Herbeirufen von Schutzgeistern, so wie Verfluchungen („der Teufel soll ihn holen“) und Bannung deren negative Spuren repräsentieren. Die bildliche Vorstellung des Teufels lässt sich auf den archaisch-schamanischen Ziegendämon zurückführen, der in der Bibel als Asasel und in der griechisch-römischen Mythologie als Pan auftritt.[92] Auch ekstatische Zustände, Auditionen und Visionen werden berichtet,[93] zuerst im Pfingstwunder, später dann durchgängig und bis heute in der christlichen und muslimischen Mystik[94] wie z. B. im Sufismus. Auch in den östlichen Religionen treten alte schamanische Praktiken und deren geistige Horizonte mit Meditation und Ekstase in den Vordergrund und werden für die religiöse Struktur bestimmend. Selbst der Ahnenkult hat vor allem im Christentum – der Islam verbietet ihn in den Hadith, wenn auch eher erfolglos[95] – noch deutliche Spuren hinterlassen, zum Beispiel in den Bräuchen des Halloween (Allerseelen),[96] überhaupt der gesamten Heiligenverehrung, die nichts anderes darstellt als eine Bitte um Hilfe an Totengeister, welche als machtvolle Mittler auftreten.[97] Beim prophetischen Potential überlappen sich zudem die Funktionen von Schamanen, Propheten und Priester, zumal vor allem Propheten wie Ezechiel oder Mohammed durchaus ekstatische Zustände erlebten.[98] Weitere potentielle Parallelen sind etwa die bereits auf Felsbildern dargestellte Adorantenhaltung, das Fasten, rituelle Gewandungen, die Verwendung von Duftstoffen und Weihwasser, das reinigende Räuchern (im indianischen Schamanismus weit verbreitet), Reliquien (vgl. Fetischismus) usw. Rituelle Reinheit ist in vielen Religionen in bestimmten Situationen obligat, nicht nur die Waschungen der Muslime, die Mikwe der Juden oder die Taufe der Christen. Schon die Schamanen führten solche Reinigungsriten mit Bädern und Räucherungen aus,[99] desgleichen Initiationsriten, die sich etwa in Kommunion und Konfirmation erhalten haben oder im jüdisch-muslimischen Bereich mit Brit Mila bzw. Beschneidung und Bar Mizwa. Solche Initiationsriten werden von den Prähistorikern schon als Motive der Höhlenmalereien etwa der Franko-kantabrischen Sphäre vermutet.[100] Auch das im Christentum nur noch symbolisch praktizierte Opfern geht als Verbindungsmechanismus zwischen Sakralem und Profanem auf diese alten Ursprünge zurück. Bereits im Neolithikum mussten Teile der Jagdbeute den Fruchtbarkeitsgöttern, die oft chthonische Erd- und Todesgötter waren, überlassen werden, um sie zu besänftigen. Im Schamanismus galt dann ähnliches für den Herrn der Tiere.[101]
Psychologie

Neuropsychologie
Die für eine Gesamtsicht unerlässlichen neurophysiologischen und neuropsychologischen Grundlagen von Trance/Ekstase, Besessenheit und Schamanismus sind im 3. Kapitel der »Trance als multisensuelle Kreativitätstechnik« der Giebichsteiner Vorlesungen von Jürgen W. Kremer erläutert.[102] Insgesamt sind diese als ASC (Altered State of Consciousness) bezeichneten Vorgänge als materielles Substrat der psychologischen hochkomplex und interferieren zudem heftig mit dem Leib-Seele-Problem. Lewis-Williams entwirft ein entsprechendes Modell dazu.[103] Entscheidend vor allem bei der Trance sind hier offenbar neurophysiologische Vorgänge im präfrontalen Kortex, wie entsprechende SPECT-Untersuchungen an meditierenden buddhistischen Mönchen und Nonnen nachwiesen.[104] Giselher Guttmann beschreibt die Überraschung der Ethnologin Felicitas Goodman, als ihr auffiel, dass auf vielen prähistorischen Darstellungen dieselben Körperhaltungen zu finden sind, wie sie Naturvölker einnehmen, wenn sie jene Veränderung der Bewusstseinslage herbeiführen wollen, die mit Trance bezeichnet und durch rhythmisches Rasseln mit einer Frequenz von 200 bis 210 Schlägen pro Minute erzielt wird. Derart in Trance Befindliche bringen lebhafte bildlich erlebte Geschichten hervor, deren Inhalte wiederum von der eingenommenen Position abhängig sind und ganz unerwartet in den Bereich uralter Mythen führen, wie sie uns zum Teil mit verblüffender Übereinstimmung in verschiedenen Kulturkreisen begegnen. Bei solchen Trancen steigt das zerebrale Grundpotential um einige Millivolt an, und es zeigen sich phasenhaft langsame Wellen im EEG, die sonst nur im mitteltiefen Schlafzustand auftreten. Diese Theta-Phasen korrelierten mit besonders intensiven Tranceerlebnissen.[105]

Der Weg zur Trance führt über zahlreiche Meditationstechniken. Diese reichen von einfachen Atemübungen über monotone Bewegungen und die Konzentration auf ein Objekt, wie sie etwa bei der Hypnose üblich ist, bis hin zu asketischen und qualvoll-unlustbetonten Manövern, wie sie manche nordamerikanischen Indianerstämme etwa beim Sonnentanz praktizieren.[106]

Die neurophysiologischen Vorgänge sind noch nicht vollständig geklärt. Bei Halluzinogenen spielen jedoch Veränderungen von Neurotransmittersystemen und ihrer Rezeptoren eine wichtige Rolle. Das menschliche Gehirn besitzt mit der Amygdala an der Innenseite der Temporallappen (der sogenannte Mandelkern), zudem eine Struktur (es gibt weitere wie den Hippocampus), die alle eingehenden Signale mit Hilfe angeborener oder erworbener Programme emotional filtern (es sind 109 bit/sec, die auf 30 bis 40 Hertz, der maximalen Arbeitsfrequenz des Erwachsenengehirns[107], herunterselektiert werden[108]), werten und zur Speicherung nach der Theorie der somatischen Marker von Antonio Damasio isolierten emotionalen Ordnungsfunktionen in die verschiedenen Gedächtnisebenen weiterleiten oder aussortieren.[109] Halluzinationen können durch eine teilweise Ausschaltung oder Fehlfunktion dieses Systems ausgelöst werden, die durch die oben beschriebenen Meditationstechniken selbstinduziert sein kann. Ist die Selektivität dieses Systems derart vorübergehend geschwächt, gestört oder gezielt außer Kraft bzw. verzerrt, dringen auch unwahrscheinlichere Wahrnehmungen durch. Sie werden zu Bildern, Tönen, Gerüchen usw. zusammengesetzt und dann als wahr angenommen. So erklären sich Visionen, Halluzinationen, „Glaubenserlebnisse“ unter Meditation oder Trance, Einfluss von Drogen, Hysterien, Erkrankungen wie Schizophrenie usw. Auch bestimmte „jenseitige Wahrnehmungen“ vor allem bei Kindern bzw. Pubertierenden, bei denen dieses Kontrollsystem noch nicht völlig ausgereift ist, sowie bei Frauen in endokrinen Ausnahmezuständen (z. B. Klimakterium, Schwangerschaft) erklären sich so zwanglos mit einer noch nicht völlig erstarrten bzw. pubertär oder spezifisch hormonell gestörten Filterfunktion. Bei Epilepsie kann diese Funktion ebenfalls gestört sein, was die ursprüngliche Charakterisierung der sibirischen Schamanen (sogenannte „arktische Hysterie“) als Epileptiker erklärt.

Ursache „Kognitiver Dualismus“
Hultkrantz stellt in seinem Buch über den amerikanischen Schamanismus einleitend fest: „Merkwürdigerweise haben die meisten Schamanismusforscher diesen Dualismus in der Weltsicht schamanischer Völker und seine Konsequenzen übersehen.“ Er meint damit die Spaltung dieser Weltsicht in eine natürliche und eine präexistente, durch Mythen begrifflich erfasste übernatürliche Region, in der die Götter und Geister sowie die Toten wohnen – und in beiden existiert der Mensch. Gleichzeitig sind beide Welten voneinander getrennt, und der Schamane überschreitet diese Grenzen mit Hilfe der Trance. Der Mensch wird aus dieser spirituellen Welt geboren und kehrt mit dem Tode in sie zurück.[110]

Auch Jensen weist ausdrücklich auf diesen „psychophysischen Dualismus“ hin.[111] Der Grund für diese Konstanz fundamentaler dualistisch-religiöser Konzepte über viele Jahrtausende in immer neuen Varianten und in praktisch allen Religionen liegt, wie Kognitionspsychologen vor allem im Rahmen der Evolutionären Erkenntnistheorie postulieren, unter anderem im bereits von Konrad Lorenz in Das sogenannte Böse festgestellten grundsätzlichen kognitiven, sich auch als Polarität äußernden Dualismus innerhalb der Grundstruktur menschlichen Denkens.[112]

Dieser Dualismus und die daraus erwachsende lineare, unvernetzte Kausalität konkurrierte vorgeschichtlich mit dem eher animistisch mystifizierenden Schamanismus. Im Laufe der Entstehung eines Welterklärungsmodells im Rahmen einer evolutionären Überlebensstrategie entstand eine Verbindung, bei der nur irrational zu beantwortende Fragen in ein scheinkausales Muster eingebaut wurden. Durch unterschiedliche Schwerpunktsetzungen entstanden ganz unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen. Dies ergibt sich zwangsläufig aus der von Marcel Mauss festgestellten sozialen Bindung religiöser Phänomene, da soziale Bedingungen umweltbedingt und damit wirtschaftsbedingt stark schwanken können (etwa bei der neolithischen Revolution), wie bereits Max Weber im ersten Kapitel seiner Religionssoziologie feststellt[113] Allerdings ist der Gedanke der sozioökonomischen Dominanz schon in der Geschichtsphilosophie von Karl Marx vorgeprägt. Auch moderne Autoren wie Roman Herzog folgen ihm;[114] und Max Weber hat in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus eine enge Beziehung zwischen Wirtschaftsethik und Weltreligionen hergestellt.[115]

Dieser dualistisch-animistische Antagonismus mitsamt der linearen Pseudo-Kausalität und dem weiter unten dargestellten irrationalen Mystizismus hat sich als mächtige Antriebskraft der geistig-religiösen Entwicklung erwiesen. Die aktive Dynamik beider Komponenten ergibt sich eindeutig aus den Forschungen von Margaret Mead. Sie hat nachgewiesen, dass beide Komponenten bereits im Kindesalter anlagebedingt gleichberechtigt nebeneinander vorhanden sind und erst im Verlauf einer spezifischen persönlichen wie kulturellen Entwicklung unterschiedlich gewichtet werden, so dass im Erwachsenenalter jeweils eine der beiden Komponenten dominiert,[116] In der westlichen Moderne herrscht das lineare Ursache-Wirkungs-Denken mitsamt der damit einhergehenden Pseudo-Finalität vor, das ebenfalls dualistisch konfiguriert ist.[117] Dabei manifestiert sich der kognitive, die Weltanschauung präformierende Dualismus in immer anderen Varianten. Dazu gehören wie in den fernöstlichen Religionen – und auch im Schamanismus – polare Ergänzungen (Yin Yang), die sich eschatologisch ausgleichen, oder wie in den alten indoeuropäischen und modernen westlichen Großreligionen eher dualistisch-oppositionelle bis manichäische, mit Theodizee-Problemen ringende Anschauungen – mit allen Gefahren, die solche angesichts moderner Komplexitäten ungenügenden Denkstrukturen mit sich bringen.[118] Dass es sich dabei nicht nur um eine seltsam anmutende Vermischung von Kulturanthropologie, Religionsgeschichte und Psychologie handelt, der Dualismus vielmehr ganz grundsätzlicher Natur ist (und eben deshalb so schwer eliminierbar), notiert Rupert Riedl in seinem Aufsatz „Bewusstseins-Lenkung im sprachlichen Denken“ (1988/89):

„Was wir als Form-Funktion-Dualität im Mittelbereich unserer Lebenswelt kennen, lässt sich nämlich gegen die niedersten Komplexitätsschichten bis zum Teilchen-Welle-Dualismus in der Mikrophysik verfolgen und gegen die höheren Schichten bis in die Materie-Geist-Dualität und den Leib-Seele-Dualismus.“

– Das Bewusstsein. Multidimensionale Entwürfe, S. 409

Der Philosoph Karl R. Popper wiederum führt den religiösen Dualismus auf die Wechselwirkung von Körper und Bewusstsein, Leib und Seele zurück, das Leib-Seele-Problem und schreibt:[119]

„Es gibt eine Fülle wichtiger prähistorischer und natürlicher historischer Beweise zur Unterstützung der Hypothese, dass der dualistische Glaube und der Glaube an Wechselwirkung zwischen Körper und Bewusstsein sehr alt ist. Abgesehen von Folklore und Märchen wird er durch alles das belegt, was wir über primitive Religion, Mythos und magischen Glauben wissen. Da ist zum Beispiel der Schamanismus mit seiner charakteristischen Lehre, dass die Seele des Schamanen den Körper verlässt und auf die Reise geht; bei den Eskimos sogar zum Mond.“

– Karl R. Popper, John C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn

Ursache „Participation mystique“
Eine vergleichsweise ähnliche Konstanz findet sich auch bei der anderen Komponente, jener eher diffusen magischen Vorstellung,[120] wie sie vor allem in den Stadien der Entwicklungspsychologie etwa C. G. Jungs, Lawrence Kohlbergs, Jean Piagets oder Rolf Oerters konzeptionell vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter als Projektion auftritt. Wo sie von starken dualistisch-rationalen Elementen überlagert wird, sucht sie immer wieder Ausgleiche. Dies ist in der modernen Esoterik, aber auch in bestimmten religiösen Erscheinungen der Massenpsychologie zu erkennen, wie sie zum Beispiel Gustave Le Bon beschreibt.[121] Lucien Lévy-Bruhl hat diese Participation mystique auch ethnologisch interpretiert, ebenso wie Sigmund Freud etwa in Totem und Tabu. C. G. Jung übernahm den Begriff von Lévy-Bruhl zur Beschreibung der primitivsten Beziehungen des Ich zur Welt und zu der es umgebenden Gruppe oder Stammesgemeinschaft, und integrierte dieses Konzept in sein System der Archetypen. Participation mystique bezieht sich dabei auf einen Zustand primitiver Identität zwischen Selbst und Objekt, das ein Ding, eine Person oder eine Gruppe sein kann. Sie ist außerdem Teil der Persönlichkeitsentwicklung.[122] Dieses bei Erwachsenen weiterbestehende magische Denken findet man heute, abgesehen von indigenen Völkern mit sogenannten Naturreligionen oder solchen mit entsprechenden Traditionen, insbesondere in der westlichen Esoterik – und als animistisch-schamanisches Überbleibsel auch in den Weltreligionen. In der Forschung stand besonders dieser Aspekt im Zentrum des Interesses, etwa bei Eliade mit seiner universalistischen, impressionistischen und teils romantischen Interpretation, die von späteren Wissenschaftlern zum Teil übernommen wurde. Inzwischen wird Eliade von Sozialanthropologen und Religionswissenschaftlern allerdings stark kritisiert.

Oswald Spengler kombinierte beide Erklärungsmuster, als er das Phänomen als strikt dualistisch definierte. Er bezeichnet es mit dem Begriff magische Seele, stellt es neben die apollinische und die faustische Seele und räumt seiner kulturhistorischer Analyse viel Platz ein.[123] Er schreibt:

„Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen Dualismus zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele. Zwischen ihnen herrscht weder das antike, statische, noch das abendländische funktionale Verhältnis, sondern ein völlig anders gestaltetes, das sich eben nur als magisch bezeichnen lässt.“

– Der Untergang des Abendlandes, S. 390

Der Gehirnphysiologe John C. Eccles räumt in seinem Dialog, den er mit Karl Popper über das Problem von Ich, Seele, Körper und Bewusstsein führte, ein:[124]

„Wir sind uns einig, dass wir uns mit unserer winzigen Intelligenz und unserem Verständnis nur so weit in die großen Mysterien wagen können, die uns bei unserem Versuch, alles in der Existenz in der Erfahrung zu erklären, von allen Seiten gegenüber stehen. Die Wissenschaft ist auf ihrem begrenzten Feld von Problemen sehr erfolgreich; doch die großen Probleme, das mysterium tremendum, in der Existenz von allem, was wir kennen, dies ist nicht in irgendeine wissenschaftlichen Weise erklärbar. So lassen wir es dabei bewenden. Wir leben mit Mysterien, die wir erkennen müssen, wenn wir zivilisierte Wesen sein sollen, und die unserer Existenz ins Auge blicken.“

– Karl R. Popper, John C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn

Grundlegende Schamanismusformen

Für die Typologie des Schamanismus lassen sich unterschiedliche Kriterien finden, die meist durch bestimmte philosophisch-religiöse oder andere Relativismen vorbelastet oder schlicht veraltet sind. Klaus E. Müller leitet daher die Schamanismusformen vor allem aus ihrem neutral zu wertenden rezenten Verbreitungsbild und den dabei anzutreffenden sozioökonomischen Grundlagen ab.[125] Er unterscheidet so drei Typen:

* den primären Elementarschamanismus,
* den sekundären Komplexschamanismus und
* den hochkulturlich-synkretistisch überprägten Besessenheitsschamanismus, wie er aktuell vor allem im islamischen, lamaistischen bzw. Vajrayana-buddhistischen, hinduistischen, schintoistischen etc. Zusammenhang auftritt. Die Besessenheitsformen afrikanische Religionen rechnet er hingegen nicht dazu. Eliade steht der Besessenheit als Ausdrucksform des Schamanismus ausgesprochen skeptisch gegenüber.[126]

Typologische Zusammenhänge mit ur- und frühgeschichtlichen Religionsformen des Paläolithikums und Neolithikums sowie der Bronzezeit, aber auch mit frühhistorischen Religionen, vor allem, wenn sie weitgehend wie etwa im Falle der Skythen, Slawen, Kelten, Germanen,[127] Etrusker usw. noch schriftlos waren oder man ihre Schrift noch nicht oder nur begrenzt lesen kann, sind dabei weit schwieriger einzuordnen und entsprechend umstritten. Sie werden daher weiter unten separat betrachtet. Auch in den rezenten Formen gibt es Übergangsbereiche und Kombinationsmöglichkeiten, so dass hier nur die Grundzüge aufgezeichnet werden sollen.

Primärer Elementarschamanismus
Rezente Verbreitung: Vor allem bei Jäger-Sammler-Gesellschaften und Völkern mit der ökonomischen Grundlage Fischfang verbreitet, insbesondere dann, wenn sie in abgelegenen Bereichen oder auf Inseln leben. Aktuelle Beispiele sind: Tschuktschen und andere sibirische Ethnien,[128] Eskimos und Aleuten, Feuerland-Indianer, Aborigines, Andamaner, Batek (Malaiische Halbinsel), Yaruro-Indios in Venezuela und andere.

Charakteristika: Der Schamane wird von Tiergeistern berufen und ist vor allem für den Jagderfolg zuständig, wirkt aber auch als Medizinmann und überwacht den Fortpflanzungserfolg der Gruppe. Seine Funktion ist also die Fürsorge für die Seelen von Tier und Mensch. Dabei benutzt er vorwiegend durch Konzentration/Meditation/Trance ausgelöste Ekstasetechniken, um in die Jenseitsreise eintreten zu können, die seine Freiseele mit Hilfe von Geistern unternimmt, um dort korrigierend und helfend auf Störungen im Diesseits einzuwirken. Das Ritual ist wenig ausgeprägt, und Drogen, Kostüme oder spezielle Hilfsmittel kommen kaum oder nur sporadisch und in einfacher Form vor. Schamaninnen sind selten.

Soziale Basis: Lokalgemeinschaften oder Verwandtschaftsgruppen (Lineages, Sippen).

Sekundärer Komplexschamanismus
Rezente Verbreitung: In den Grenzbereichen des Elementarschamanismus, also vor allem bei Hirtennomaden Nord- und Innerasiens sowie bei tropischen Pflanzergesellschaften, vor allem wenn die Jagd zentrales ökonomisches Element ist (z. B. Indios Südamerikas).

Charakteristika: Dieselben Funktionen und Techniken wie beim Elementarschamanismus; dazu treten Funktionen, die durch die nun vorwiegende Sesshaftigkeit bestimmt sind, also auch bei Transhumanz. Die Berufung erfolgt nun vor allem durch Ahnengeister oder durch die Totenseelen früherer Schamanen (letzteres vor allem bei Tungusen und Gruppen im Altai-Gebirge), die später auch die Schutzgeister des Schamanen sind. Das Amt wird nun oft vom Vater auf den Sohn oder von der Mutter auf die Tochter vererbt. Entsprechend hat der Schamane auch priesterliche Aufgaben, etwa bei Geburt, Namensgebung, Bestattung, und führt Agrarriten durch. Riten, Tracht und Utensilien gewinnen nun immer größere Bedeutung und werden komplex; in Zelten entstehen Kultstätten. Bei der Trance werden spezielle Techniken und halluzinogene Drogen eingesetzt. Die Bindung an den persönlichen Schutzgeist wird intensiver und verlangt nach Opfergaben; auch die anderen Geister müssen derart bei Laune gehalten werden. Vor allem gilt dies für die Randbereiche Hochasiens, bei Tungusengruppen sowie den Bergbauern des südlichen und westlichen Himalaya (Hindukusch und Nepal). Vermehrt gibt es nun auch weibliche Schamanen.

Soziale Basis: Verwandtschaftsverbände und Dorfgemeinschaften.

Besessenheitsschamanismus
Rezente Verbreitung: Vor allem bei bäuerlichen Dorfgesellschaften Südostasiens (China, Tibet, Taiwan, Korea, Japan, teils auch Nepal), auch in Polynesien. Ob die Besessenheitsformen Afrikas oder in den afrokaribischen Religionen hierher gehören, ist umstritten.

Charakteristika: Meist wird das Amt jetzt von Frauen ausgeübt. Die Bindung an die Geistmacht (auch Gottheit) ist nun lebenslang und trägt noch Züge der älteren Bindung an einen Schutzgeist. Diese Geistmacht wird jetzt in einem kleinen Tempel kultisch verehrt und empfängt Opfer und Dienste. Die Aufgaben entsprechen denjenigen des Komplexschamanismus und enthalten zentrale medizinische Komponenten sowie Beratung und Wahrsagen. Hingegen begibt sich der Schamane nicht mehr auf eine Jenseitsreise, vielmehr tritt sein persönlicher Partnergeist in ihn ein, heilt, prophezeit usw. Es findet damit keine Ekstase im klassischen Sinne mehr statt, also kein Aus-sich-heraus-Treten der Schamanenseele, sondern eine Besessenheits-Séance, bei der der Schamane das Verhalten, ja die Tracht des ihn ergreifenden Geistes annimmt. Falls der Schamane von mehreren Geistern nacheinander ergriffen wird, muss er während einer Séance eventuell mehrfach die Kleider wechseln. Im Unterschied zu anderen Besessenheitskulten erfolgt jedoch das Eintreten des Geistes in den Schamanen auf dessen Einladung, nicht überfallartig oder gegen den Willen des Betroffenen. Müller definiert den Unterschied zwischen Besessenheitsschamanismus und „Besessenheitskulten“ so: „Typisch für den Schamanismus gegenüber den gängigen ‚Besessenheitskulten‘ bleibt jedoch, dass der Schamane die Geistmacht, wann immer eine Séance geboten erscheint, freiwillentlich zu sich zu bescheiden vermag, also nicht irgendwann und überraschend gleichsam von ihr überwältigt wird, ihr lediglich passives Organ ist.“[129] Diese relativ heikle, weil vor allem subjektiv-introspektiv zu bewertende und damit mit erheblichen Unsicherheiten behaftete Unterscheidung wird insbesondere für Afrika und seine zahlreichen Besessenheitskulte wichtig.

Soziale Basis: Übliche Klientel ist die Dorfgemeinschaft.
Schamane und Schamanismus

Bei der nun folgenden Darstellung der einzelnen Aspekte, werden die Charakteristika der Schamanen beschrieben, ohne auf ihr spezifisches Auftreten im Rahmen der jeweiligen, oben geschilderten Schamanismusformen genauer einzugehen, außer in besonders bezeichnenden Ausnahmefällen oder wenn Differenzierungen dies erfordern. Dargestellt ist vorwiegend die Situation im elementaren und Komplexschamanismus. Grundlage ist im allgemeinen und wenn nicht anders beschrieben das Erscheinungsbild der sibirischen Schamanen[130] sowie die Darstellung Klaus E. Müllers.[131] Ergänzend wurden die Darstellungen der Encyclopædia Britannica sowie spezielle ethnographische Werke zu Rate gezogen.[132]
Äußere Merkmale und Funktionen

Besonderes Merkmal des Schamanenamtes ist der Einsatz bestimmter Formeln und ritueller Handlungen, vor allem zur Erzielung eines Trancezustandes, um Kontakt zur „Götter- und Geisterwelt“, insbesondere zu den Ahnen aufzunehmen. Es werden anlassbezogen unterschiedliche Methoden verwendet, um in Ritualen die Wirkung der Beschwörungsformeln zu verstärken bzw. um einen Schutz für sich und andere aufzubauen (z. B. Verbrennen von Räucherwerk, Schlagen bestimmter Rhythmen auf besonderen Schamanentrommeln, Tanz, Trancetanz, Gesang, im Elementarschamanismus nicht, sonst häufiger psychedelische Drogen, Fasten, Schwitzen, Meditation). Religiös bedingte Trancezustände werden im Allgemeinen interpretiert als Übergang in einen anderen Seinszustand, eine jenseitige Welt wie etwa die Keltische Anderswelt oder die Traumzeit der Aborigines und als Kommunikation mit Geistern oder wie im Buddhismus als Übergang in die Nichtseinswelt des Nirwana, die hier als höchstes Ziel der Religion gilt. Der Schamane kann sich dabei frei zwischen den Welten bewegen. Er tritt in einen anderen Bewusstseinszustand ein, ist daneben aber immer noch in der Lage, mit den um ihn befindlichen Personen zu kommunizieren, Fragen zu stellen und Anweisungen zu geben. Dies unterscheidet ihn von einem Medium, das, wenn auch beabsichtigt, die Kontrolle über seine Handlungen zeitweise verliert und vom Zustand der Besessenheit, in dem der Wille des Besessenen gänzlich unterworfen wird.

Dem Schamanen werden besondere Kenntnisse und Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste spezifische Kräfte zugestanden, über die andere Menschen nicht verfügen. Mit diesen Fähigkeiten wirkt der Schamane kulturspezifisch in einer teils großen Zahl von Rollen – vom Lehrer und Heiler über den Wahrsager und Psychopompos (Begleiter der Seelen ins Totenreich) bis hin zum „Zeremonienmeister“, der die Riten überwacht. Das ist im einzelnen jedoch von der jeweiligen Schamanismusform sowie dem spezifischen kulturellen, religiösen (z. B. Hochreligionen) und ethnischen bzw. ökonomisch-sozialen Umfeld und dessen Traditionen abhängig.
Wesen des Schamanentums, Schamaninnen

Der vorwiegend kultisch definierte, definitorisch umstrittene Begriff Schamane bezeichnet allgemein einen Menschen, der im Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Phänomens des Schamanismus steht und oft auch über magische Kompetenzen verfügen kann. Er wird von seinem Umfeld als Medizinmann oder Zauberer angesehen, der in seinen ekstatischen Trance-Reisen Kontakt mit der Welt der Geister, seien es nun Natur-, Tier- oder Ahnengeister, ermöglicht oder durch zeitweise Integrierung dieser Geister in sein »Ich« deren Macht ausübt. Auch Jenseitsreisen (der Schamanenflug[133]) zu den mächtigsten metaphysischen Entitäten innerhalb der schamanischen Kosmologie wie dem Hochgott oder dem Herrn bzw. der Herrin der Tiere werden ihm zugetraut. Sein Amt ist von dem eines Priesters grundverschieden, und im Gegensatz zu diesem trägt er, so Kasten,[134] „hohe Verantwortung für seine Gruppe. Er konnte die Signale der Natur deuten, als deren Teil sich die Menschen verstanden. Weil Krankheiten oder ausbleibendes Jagdwild als Folge von menschlichem Fehlverhalten gedeutet wurden, war es Aufgabe des Schamanen, die Ursache dafür zu erkunden, für einen Ausgleich zu sorgen und die unkontrollierbaren Naturkräfte durch geeignetes Verhalten zu beeinflussen. Im schamanischen Ritual, der kamlanie, reiste der Schamane als Verkörperung seiner Gruppe in andere Welten und setzte sich dort für deren Schicksal ein. Unterstützt von Hilfsgeistern suchte er dort Rat, um die richtigen Entscheidungen für den Einzelnen wie für die Gruppe zu treffen“.

Das Geschlecht spielt im Schamanismus an sich keine Rolle, zumal sich der Schamane bei seiner Tätigkeit oft in der Kleidung des anderen Geschlechtes zeigt, und weibliche Schamanen waren daher genauso geschätzt wie männliche. Zu Beginn des Schamanismus musste der Schamane offenbar im Prinzip das entgegengesetzte Geschlecht seines Schutzgeistes haben. Im Elementar- und Komplexschamanismus dominieren allerdings männliche Schamanen. In bäuerlichen Gesellschaften mit Besessenheitsschamanismus sieht man aber vorwiegend Schamaninnen. Treten sie in den beiden ersten Formen auf, gelten sie meist als besonders mächtig. Wo priesterliche Ämter in den Hochreligionen Islam, Schintoismus, Buddhismus und Lamaismus ausschließlich Männern zugänglich waren, besetzten Schamaninnen aus der einfachen Bevölkerung die unteren sakralen Ränge und übten die dort traditionellen Funktionen aus, die zudem noch im Ruche des Heidnischen mit abergläubischen Ritualen standen und von Männern meist gemieden wurden. Mit ihrer traditionellen Erfahrung mit Heilkräutern dienten Frauen vor allem der medizinischen Basisversorgung, behandelten vorwiegend leichtere Erkrankungen und versahen das Amt von Geburtshelferinnen. Sie verloren allerdings ihre Schamanenfähigkeit während der Schwangerschaft und mehrere Jahre nach einer Geburt. Oft traten sie erst nach der Menopause in das Amt einer Schamanin ein, zumal sie in der Menstruation zahlreichen Reinheitstabus unterliegen.[135] Auch in den Zar- und Bori-Kulten Nordostafrikas, wo vor allem in den alten Hausa-Staaten die Verehrung vorislamischer Gottheiten weitergeführt wird, also im Umfeld der dortigen Hochreligionen Islam und Christentum, finden sich bevorzugt weibliche Schamanen, desgleichen in den afroamerikanischen Besessenheitskulten der Karibik und Brasiliens (z. B. Voodoo, María Lionza-Kult, Ubanda, Santería, Candomblé usw.).[136]
Schamanenwerdung

Der gesamte Prozess der Schamanenwerdung verläuft in mehreren Stufen, die sich über einen langen Zeitraum hinziehen und teils lebensgefährdende Elemente enthalten können. Die Grundzüge sind bei allen Schamanismusformen ähnlich, variieren aber stark in den Einzelheiten. Die hier geschilderten Abläufe lehnen sich vor allem an die des sibirischen Schamanismus an. Quellen:.[137]

Auswahl und Berufung

Die für einen Schamanen besonderen Fähigkeiten erhält er auf drei unterschiedliche Weisen: entweder durch Vererbung, durch freiwilliges Ersuchen oder durch Wahl. Viele schamanische Traditionen beruhen allerdings auf dem Konzept der Berufung. In Familien, in denen bereits Vorfahren Schamanen waren, wird die Fähigkeit, Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen, mitunter weiter vererbt. In besonderen Fällen geschieht die Auswahl bereits vor der Geburt, meist durch die Herrin der Tiere. Häufig lässt sie dazu ein geeignetes Kind sterben und verschmilzt dessen Seele zu einer tiermenschlichen Doppelnatur, die dem späteren Schamanen besonders große Macht verleiht. Bestimmte körperliche Merkmale bei der Geburt eines Kindes weisen auf seine Berufung zum Schamanenamt hin. Die eigentliche Berufung erfolgt erst später, frühestens nach Abschluss des zweiten Zahnens, meist aber während der Pubertät, durchschnittlich im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Doch sind auch spätere Berufungen bis zum Ende des sechsten Lebensjahrzehnts bekannt. Diese Berufung zeigt weltweit gemeinsame Merkmale, gewöhnlich Träume oder Visionen oder Auditionen, also visionäre Höreindrücke, in denen Ahnen- oder Tiergeister dem Auserwählten seine Berufung offenbaren. Tatsächlich ist diese Berufung den Betroffenen fast stets unwillkommen und häufig wehren sie sich eingedenk der Entbehrungen, die auf sie zukommen, heftig dagegen, bis die Geister sie regelrecht niedergerungen haben. Dieser Widerstand ist als Schamanenkrankheit bekannt und war mit Ursache dafür, dass man zeitweise Schamanen als Opfer einer „arktischen Hysterie“, also als Geisteskranke ansah. Diese Krankheit äußert sich in meist schwersten körperlichen wie geistigen Ausfallerscheinungen mit hochpathologischem Charakter, die solange anhalten, bis der Betroffene das angetragene Amt annimmt. Danach verschwinden die Krankheitszeichen binnen Tagen. Weigert sich der Betroffene aber weiterhin, kann lebenslanger Wahnsinn die Folge sein. Allerdings kommt es bei vielen Völkern in Nord- und Südamerika, Südostasien und Indonesien durchaus vor, dass sich manche Menschen zum Schamanen berufen fühlen und dieses Amt freiwillig anstreben. Sie werden mitunter von Geistern in einsame Wälder oder Höhlen entführt, wo sie ihr Ziel durch Fasten und sexuelle Askese zu erreichen suchen. Bis die Geister ihre Kandidatur annehmen und die Ausbildung beendet ist, können mehrere Jahre vergehen.

Ausbildung

Die Geister sind nun freundlich und hilfreich und beginnen damit, den Schamanen sein künftiges Amt zu lehren, ihn Schritt für Schritt in allen Techniken, Praktiken und Ritualen auszubilden. Während dieser Ausbildungszeit zieht sich der werdende Schamane in die Einsamkeit zurück, wo er verschiedene Initiationen durchläuft, in deren Mittelpunkt der Erwerb derjeniger meist tiergestaltiger Hilfsgeister steht, die ihn auserwählt haben. Sie dienen ihm als Alter Ego, und bei Bedarf kann er sich in sie verwandeln. Dabei lernt er, welche Wege die verschiedenen Welten verbinden, auf denen die Geister sich bewegen, wie sie zu erkennen und zu beschreiten sind, und wie er mit diesen kommunizieren kann. Anschließend unterrichten erfahrene ältere, meist berühmte Schamanen, oft mehrere nacheinander, den Schüler in der korrekten Durchführung von Ritualen und Deutungen der Botschaften aus der spirituellen Welt, insbesondere von Techniken zur Erlangung der rituellen Ekstase. Erforderlich war dies vor allem in Kulturen mit differenziertem religiösem Brauchtum, also im Komplex- und Besessenheitsschamanismus. Die Aneignung des gesamten überlieferten Wissens über die Welt seines Volkes ist ein weiteres Ausbildungsziel. Der Lehrer begleitet den Lehrling nun auf allen seinen Wegen und unterweist ihn in allen Aspekten der Heilkunde sowie in den Formalien, Gebeten, Gesängen, Tänzen, die Geistersprache und Traumdeutung, dazu den Traditionen seines Volkes. Am Abschluss der drei bis fünf Jahre dauernden Ausbildung, die wie bei den Grönland-Eskimos bis zu 12 Jahre dauern kann, steht die Schamanenweihe.
Odin, der in der germanischen Mythologie als der große Schamane gilt, opfert sich freiwillig und hängt im Weltenbaum Yggdrasil, um so das Geheimwissen der Runen zu erlangen, wie im Hávamál 138 ff. geschildert. Illustration zum Hávamál aus dem Jahre 1908. Vergleichbar sind das Ersteigen der Bäume sibirischer Schamanen während der Initiation und das Ausbrüten des Schamanen als Ei der Vogelmutter im Geäst des Weltenbaums. Vgl.[138]

Initiation und Verwandlung

In manchen Kulturen, vor allem Sibiriens, ging der Ausbildung durch menschliche Schamanen mit der nachfolgenden Weihe noch eine spezielle, meist dreitägige Schamaneninitiation durch die Geistmächte voraus. Dabei wurde eine tiefgreifende Umwandlung des Anwärters vorgenommen, der ein zweites Mal erkrankte und in tiefe Bewusstlosigkeit fiel, wobei sich an seinem Körper abermals Wundmale und Veränderungen zeigten. Der Adept erlebt dabei intensive Visionen, bei denen er von den Geistern in die Unterwelt entführt, dort regelrecht auseinander genommen und neu zusammengesetzt, also getötet und wiederbelebt wird. Danach wird er in der Unterwelt nochmals intensiv von den Geistern unterrichtet und mit den verschiedenen Geistmächten, dem Herrn bzw. der Herrin der Tiere usw. bekannt gemacht. Manche bedeutende Schamanen erlebten solche Zerstückelungsvisionen mehrmals. Von diesen teilweise an die Dema-Gottheit erinnernden Verwandlungszeremonien gibt es weltweit verschiedene Varianten, doch stimmen sie in den Grundzügen überein. Mitunter erhielten die Novizen nach der Verschmelzung ihrer Freiseele mit Tierseelen noch besondere außersinnliche Wahrnehmungsfähigkeiten, vor allem Hellsehen, Telepathie, ja sogar Psychokinese und Teleportation. Als Seher ihrer Gesellschaft sehen sie vor allem unheilvolle Ereignisse voraus. Nach Abschluss all dieser durch Geistmächte ausgeführten Initiationsprozeduren sind die Novizen andere Menschen, denn sie verfügen nun über eine Doppelnatur. Halb Mensch, halb Geist sind sie nun praktisch Blutsverwandte ihrer Schutz- und Hilfsgeister. Durch den Tausch von Körper und Seele mit den Geistern entsteht eine „affinale Verwandtschaftsbeziehung“. Sie hat allerdings zur Folge, dass der Schamane nur Krankheiten heilen kann, mit deren Krankheitsgeistern er eine Beziehung aufgenommen hat. Hier herrscht das Prinzip strikter Reziprozität: Es wird nur eine Gegenleistung gewährt, wenn vorher dem „zuständigen“ Geist eine Leistung erbracht wurde. Durch diese Verwandtschaftsbeziehungen ist der Schamane nun in der Lage, sich sowohl in der Ober- wie der Unterwelt in verschiedene Tiere zu verwandeln. Ein Schamane konnte diese Eigenschaften wieder verlieren, etwa nach einer Frist, die ihm die Geister bereits bei seiner Berufung genannt hatten. Meist verlor er seine Fähigkeiten aber, wenn er sich durch Fehler, Faulheit usw. als ungeeignet erwiesen oder gar Tabus gebrochen hatte. Die Hilfsgeister verließen ihn dann, und er wurde wieder zu einem gewöhnlichen Menschen. Bei schwerwiegenden Vergehen konnte es vorkommen, dass die Geister ihn wahnsinnig werden ließen oder töteten.

Weihe

Nach Abschluss dieser Ausbildung durch Geister und menschliche Lehrer findet meist ein formales Weiheritual statt, bei dem der junge Schamane öffentlich seine Fähigkeiten etwa zur Séance demonstrieren muss. Das Ritual, das bei Völkern im Einflussbereich von Hochreligionen extrem komplex und einer Priesterweihe sehr ähnlich sein kann, dient außerdem dazu, ihn eng in die soziale Gemeinschaft einzubinden, in der er nun eine verantwortungsvolle Position mit hohen charakterlichen Anforderungen einnimmt. Häufig wird er danach von den Ältesten seines Stammes oder seiner Sippe förmlich anerkannt. Gleichzeitig wird seinen Hilfsgeistern geopfert. Sein Lehrer oder ein anderer angesehener Schamane erteilt ihm außerdem den Segen. Mitunter fällt ein solcher Aspirant durch die Prüfung, wenn trotz einer längeren Nachprüfung durch die Ältesten Zweifel an seiner persönlichen Eignung und fachlichen Qualifikation bestehen. Ein solcher Bewerber wird durch unerfüllbare Bedingungen zum Rücktritt gezwungen. Bei mehreren Bewerbern wird der Beste durch eine Abstimmung bestimmt.
Schamanen und Gesellschaft

Allgemeine Funktionen[139]
Da ein Schamane vor allem die Funktionen eines Medizinmanns, Wahrsagers und Zauberers ausübt, gehören zu seinen Aufgaben Krankenheilung, mitunter einschließlich der Geburtshilfe, Rituale um Tod und Sterben, Abwehr „böser Geister“, Wettervorhersage, Finden von Jagdwild, Weissagung (Prophetie), Traumdeutung, soziale Regulierung und der Umgang mit geistig gestörten Menschen. Des Weiteren fungiert der Schamane als Lehrer in einigen Lebensbereichen, die das soziale Umfeld direkt betreffen. Ebenso fungiert er als Erzähler, Sänger und Dichter von Mythen und Geschichten und nimmt für die Gemeinschaft die Rolle des Bewahrers von Wissen ein; zudem leitet er die Opferzeremonien. Meist ruft man aber den Schamanen, um bestimmte, nicht nur gesundheitliche Probleme zu lösen, eine ungünstige Situation zu überwinden oder auch, um eine segensreiche Zukunft zu erbitten, in die Zukunft zu schauen oder das Wetter zu beeinflussen. Seine Hauptfunktion ist jedoch die eines Seelenhirten. Er ist überdies zuständig für das harmonische Verhältnis der Gruppe zur Umwelt und dessen Wiederherstellung. Deshalb waren Schamanen auch die strengen Hüter der Tradition und der moralischen Normen.

Status und Macht[140]
Er war hoch, ohne dass der Schamane allerdings einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen vermochte oder besondere Privilegien genoss. Der Schamane war eine der höchsten Respektpersonen seiner Gemeinschaft und wurde entsprechend geehrt. Beim Eintritt in ein Haus wurde er ehrerbietig begrüßt und großzügig bewirtet, wobei stets eine unterschwellige Furcht vor seiner Macht mitschwang, die den Schamanen letztlich gesellschaftlich isolierte und einsam werden ließ. In die Verehrung mischte sich daher furchtsame Scheu, obwohl seine Tätigkeit sich mit dem Alltag verband und dabei keinerlei Mystik enthielt.[141]
Politischen Einfluss hatten Schamanen kaum. Sie waren „nicht von dieser Welt“. Gelegentlich waren ihre prophetischen und magischen Gaben während kriegerischer Auseinandersetzungen gefragt, ohne dass sie allerdings an den Auseinandersetzungen direkt teilnahmen oder gar Operationen leiteten. Ältere historische Aufzeichnungen beschreiben sie als Anführer bei solchen Aktivitäten einschließlich der Jagd.[141] Gruppenoberhäupter waren sie jedoch fast nie. Erst im mittelalterlichen Hofschamanismus Mittelasiens änderte sich das, etwa bei Dschingis Khan, der einen Schamanen als engen Berater hatte. Dieser Einfluss hielt sich verschiedentlich bis ins 19. Jahrhundert.
Gleichzeitig wurde von ihnen hohe Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit und Selbstdisziplin verlangt. Schamanen standen im Dienst der Gruppe, und es war ihnen vor allem im Elementarschamanismus nicht gestattet, aus ihrem Status Vorteile zu ziehen, zumal sie bei ihrer Weihe einen regelrechten Eid des Hippokrates leisten mussten, der ihnen ein striktes soziales Verhalten mit Bevorzugen der Armen und Schwachen abverlangte. Die Geister übten auch in diesem Punkte strenge Kontrolle aus, was bei Fehlverhalten harte Sanktionen (Verlust der Fähigkeiten, Wahnsinn, Tod) nach sich zog, so dass sich das Leben eines Schamanen meist mühsam, entbehrungsreich, ja qualvoll gestaltete. Sein Amt war daher zwar angesehen, aber nicht begehrt, und Auserwählte wehrten sich mitunter heftig dagegen. Zudem hing sein Ansehen vom Erfolg seiner Sitzungen ab, wobei die Gemeinschaft strenge Kontrolle ausübte. Bei nordamerikanischen Indianern konnte ein Schamane nach mehreren erfolglosen Heilungsversuchen getötet werden.

Gruppensolidarische und soziale Funktion des Schamanen[142]
Die rituelle Tätigkeit nicht nur der des sibirischen Schamanen war auf den Erhalt des Lebens in der Gemeinschaft im Zusammenspiel mit der Harmonie des Kosmos ausgerichtet.[143] Schamanensitzungen waren und sind daher stets wichtige Gemeinschafterlebnisse im Dienste der Gruppensolidarität, denn die Anwesenden nehmen in vielfältiger Form aktiv daran teil, indem sie etwa Worte, Beschwörungen und Lieder des Schamanen wiederholen. Bei seinen Kämpfen im Jenseits feuern sie ihn an, genießen aber auch die ihnen durchaus bewusste Theatralik seiner magischen Vorstellungen. Klaus E. Müller schreibt dazu: „Wie der Schamane im Auftrag aller, als Mittler, Helfer und Heiler der Gruppe, die ihn dazu bestellt und autorisiert hatte, tätig war, trugen ihn alle bei seinen Bemühungen auch mit, standen hinter ihm, halfen ihm, wie seine Hilfsgeister im Jenseits. Überleben zu können erforderte Solidarität, hatte bruchlose Gemeinschaftlichkeit zur Voraussetzung“.[144]
Schamanenpraxis

Die Informationen zu diesem Unterkapitel entstammen vorwiegend der Quelle unter.[145] Da Grundlagen, Verfahren und geistig-religiöse Hintergründe des Schamanismus bis heute aktuell sind und praktiziert werden, sind sie im Folgenden, außer in den Fällen, wo auf Vergangenes Bezug genommen wird oder dies impliziert ist, im Präsens formuliert.

Anrufung und Regeln
Die Anrufung eines Schamanen setzt bei den Völkern Sibiriens bis heute die strenge Einhaltung bestimmter Regeln voraus. Die Gegenstände des Schamanen dürfen zum Beispiel nicht berührt werden. Erhält der Schamane einen Ruf, muss er ihm sofort folgen, denn er „gehört der Gemeinschaft“. Tut er dies nicht, strafen ihn seine Geister. Für seine Bemühungen erhält er ein Entgelt, häufig durch Hilfe im Haushalt und andere Dienstleistungen wie die Hilfe bei der Ernte, Nahrung, Geschenke. Der Lohn darf nicht zu hoch ausfallen und wurde etwa bei den Völkern Mittelasiens sogar von den Geistern bestimmt. Bei den Indios Südamerikas wurden die Schamanen hingegen regelrecht bezahlt und wurden wohlhabend. In Sibirien wiederum mussten Schamanen ganz auf ein Entgelt verzichten und verarmten häufig. Zu den speziellen Regeln für die Séance siehe unten.

Szenerie
Schamanensitzungen finden gewöhnlich an unterschiedlichen Orten statt: in den Wohnräumen oder im Zelt des Schamanen, einem speziellen, großen und meist mit einem Baum als Repräsentanz des Weltenbaumes ausgestatteten Schamanenzelt, vor allem bei Kranken, aber auch in den Räumen des Klienten (Hütte, Zelt) oder in der freien Natur nach bestimmten kosmologischen Regeln, die vor allem von den Gesetzen der Harmonie geprägt sind (etwa am Zusammenfluss von Wasserläufen). Im Besessenheitsschamanismus finden sie in abgetrennten Weihebereichen der Schamanenbehausung oder Tempelchen statt. Nächtliche Sitzungen werden bevorzugt, da die Nacht als Geisterzeit gilt. Generell hat alles sich nach der kosmologischen Bedeutung der beabsichtigten Handlung zu richten, und alle Objekte im Behandlungsszenarium haben kosmische Bezüge zu den drei Welten, dem Weltenbaum usw. Die Szenerie ist ein Übergangsraum zur Geisterwelt. Idole mit Darstellungen der Ahnen haben wichtige Schutzfunktionen (in Afrika sind etwa bis heute die sogenannten Wächterfiguren verbreitet, vgl. Afrikanische Religionen), desgleichen Tierfigürchen als Vertreter der Tiergeister. Die Symbolik ist umfassend.

Kostüm und Requisiten[146]
Ewenkische Schamanentracht mit Requisiten
Elfenbein-Masken der Yup'ik-Eskimo-Schamanen
Der letzte Schamane Chuonnasuan (1927-2000) des mandschurischen Volkes der Oroken, Amur-Grenze 1994
Schamane während einer Kamlanie-Zeremonie am Feuer, Kysyl in der russischen Teilrepublik Tuwa

Bei Schamanensitzungen spielen bestimmte Attribute (weiter unten „Werte“ genannt) im Zusammenhang mit der Jenseitsreise eine wichtige Rolle. Diese Symbole reflektieren die Vorstellungen über den Aufbau des Kosmos und sind bei den einzelnen Völkern unterschiedlich ausgeprägt.

Kostüm: Es steht in engem Bezug zum jeweiligen Schutzgeist des Schamanen während der Handlung, muss also bei dessen Wechsel ebenfalls gewechselt werden. Es erfüllt daher zusammen mit der Maske eine metaphysische und identifizierende Funktion im Sinne des beteiligten Schutzgeistes, mit dem der Schamane zum Doppelwesen verschmilzt. Allerdings waren solche Masken im Elementar- und Komplexschamanismus eher selten und kamen, wenn überhaupt, höchstens als Gesichtsverkleidungen vor, um den Schamanen so für feindliche Geister unkenntlich zu machen. Erst im Besessenheitsschamanismus werden sie häufiger und tragen dann auch zoomorphe Züge.[147] Solche Schamanentrachten waren allerdings in historischer Zeit nur bei den Völkern Nord- und Innerasiens sowie bei den Inuit (s. Abb. unten) üblich. Schamanen durften ihr Haar wegen seiner Vitalkraft nicht schneiden. In Sibirien finden sich zwei grundlegende Trachten: der Vogel- und der Cervidentypus, je nach dem bevorzugten Tiergeist. Beide Trachten wurden nebeneinander gebraucht; in Abhängigkeit von der Bewegungssphäre, die bei der Jenseitsreise zu benutzen war, also Luft oder Boden. Zum Kostüm gehörten Gürtel, Glöckchen, eine durchlöcherte Metallscheibe für den Abstieg in die Unterwelt sowie mehrere Metallscheiben an Brust und Rücken, dazu zahlreiche längliche Eisenplättchen zur Stählung und zum Schutz des Körpers. Mitunter wurde das Gesicht verkleidet oder geschwärzt. Seltener waren meist anthropomorphe Masken, fast stets beim Besessenheitsschamanismus (Eskimos, Tibet). In den Randzonen des Schamanismus wurden auch Kopfbedeckungen getragen, meist Federhauben. Für einige sibirische und zentralasiatische Ethnien waren Geweihkronen üblich.[148] Die Herstellung solcher Kostüme erfolgte wegen deren strikt rituellem und magischem Charakter ebenfalls unter strengen Regeln (zu bestimmten Jahreszeiten, von bestimmten Personen usw.). Es wurde meist aus dem Fell oder Federkleid eines bestimmten, durch genaue Merkmale (etwa ein weißer Fleck auf der Stirn) identifizierbaren Tieres gefertigt, das dem Schamanen im Traum erschienen war und dessen Auffindung und Jagd sich über Monate hinziehen konnte. Nach Fertigstellung musste das Kostüm noch rituell gereinigt und geweiht werden. Ähnliche Verfahren galten für die Schamanentrommel.

Requisiten: Wie das Kostüm erfüllen sie bestimmte magische Funktionen und verbinden den Mikrokosmos mit dem Makrokosmos. Sie sind für verschiedene Weltregionen spezifisch, so etwa Leitern, die in Südamerika zum Aufstieg in die Oberwelt dienen, Blätterbündel und Rasseln, die in Nordamerika die Stimmen der Hilfsgeister vernehmbar machen, Zweige, Besen, Peitschen, Messer und Dolche, die in Innerasien böse Geister abwehren, Schwerter, Schellen und Spiegeln in Südostasien, Federn, Steine, Knochen in Säckchen und Medizinbeutel bei den Schamanen Nordamerikas usw. In ganz Asien werden Zeremonialstäbe verwendet, die als Abbild des Weltenbaumes (sibir.: turu) gelten und bereits paläolithisch etwa aus den Darstellungen der Höhle von Lascaux bekannt sind. Von besonderer Bedeutung ist die Trommel, die so gut wie überall verwendet wird und eine teils von Gebiet zu Gebiet verschiedene, vielfältige kosmische Symbolik enthält (s. Abbildung oben) sowie zur Auslösung der Trance verwendet wird oder Hilfsgeister rufen soll.[149] Mit ihr ist der Schamane zudem besonders eng über einen Trommelgeist verbunden, und ihre Herstellung verläuft ähnlich ritualisiert wie die des Kostüms. Zerbricht die Trommel oder wird sie beschädigt, bedeutet dies schwere Erkrankungen oder Tod für den Schamanen. Meist ist sie das letzte und mächtigste Requisit, das der Schamane im Verlauf der Initiation erhält. Nach seinem Tod wird sie zerstört. Trommel, Kostüm und der den Weltenbaum symbolisierende und häufig mit Tierattributen versehene Zeremonialstab bildenden den kosmischen Raum ab, in dem der Schamane sich bewegt.[150]

An speziellen Requisiten, Vorrichtungen und Handlungsweisen kommen weiter zum Einsatz:

* Requisiten und Installationen: Schwitzhütte, andere Rhythmus- und Musikinstrumente, Federn, Glocken
* Drogen-Gebrauch: Tabak und/oder Cannabis, Peyote, Andenkaktus („San Pedro“), Ayahuasca, Iboga, Datura (Stechapfel), Trichterwinde, Azteken-Salbei („Wahrsage-Salbei“) sowie Pilze (z. B Fliegenpilz oder psilocybinhaltige Pilze)
* Fasten, Gesang, spezielle Atemtechniken, Tanz

Die Schamanensitzung (Séance)[151]
Im Mittelpunkt einer Schamanensitzung (Kamlanie bei den sibirischen Völkern) befindet sich stets ein Gegenstand, der mit bestimmten „Werten“ in Verbindung steht, etwa die „Seelen“, die „Kräfte“, die „Fruchtbarkeit“, das „Glück“ usw., die er in der Welt der Geister suchen soll, um Auskunft über sie zu erhalten oder sie zu beeinflussen. Dabei soll stets ein Gleichgewicht zwischen Menschen und Geistern erreicht werden, das auf irgendeine Weise als gestört gilt. Alle Techniken und Rituale bezwecken daher

1. die Welt der Geister zu erreichen,
2. die dort beabsichtigten Aufgaben zu erfüllen,
3. sicher zurückzukehren und der Gemeinschaft oder dem Klienten das möglichst positive Ergebnis mitzuteilen oder eine Heilung zu vollenden.

Der Ablauf einer Kamlanie gestaltet sich wie folgt:

* Vor Einsetzen der eigentlichen Séance sind bestimmte Vorbereitungen notwendig. Zeitpunkt ist nach Einsetzen der Abenddämmerung. Der Schamane fastet den ganzen Tag und reinigt sich gründlich (z. B. Dampfbad), ist zudem sexuell enthaltsam. Auch die Räume für die Séance müssen gereinigt werden, etwa durch Ausräuchern. Häufig assistieren ihm Helfer (meist Lehrlinge). Sie bereiten das Tieropfer vor, dessen Geruch den Geist anlocken soll, so dass er bei dem sich anschließenden Mahle mit den Menschen magisch vereint ist. Später fungieren sie als Übersetzer der Murmelsprüche des Schamanen.
* Der Schamane gerät in Ekstase: Er begibt sich, selten und nur im Elementarschamanismus, mit reiner Konzentration und Willenskraft sowie Atemtechniken, meist mit Hilfe verschiedener Techniken wie Tanz, Trommeln, Gesang sowie Stimulanzien und mitunter auch mit Hilfe halluzinogener Drogen in Trance (normalerweise kein Alkohol). Seine Freiseele kann nun in Kontakt mit der Geisterwelt treten. Die Wirkung der Drogen verstärkt sich durch das Fasten und tritt nach ca. 50 Minuten ein, wonach der Schamane in einen etwa einstündigen Tiefschlaf verfällt, danach aufspringt und zu halluzinieren beginnt, gleichzeitig gegenüber Sinnesreizen und Schmerzen unempfindlich wird. Er ist nun fähig, mit der Geisterwelt Kontakt aufzunehmen. Es folgt zuweilen eine theatralische Demonstration der körperlichen Unempfindlichkeit (Laufen über glühende Kohlen, Durchstechen von Körperteilen etc.), dazu werden gelegentlich magische Tricks zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit gezeigt.
* Der Schamane ruft nun zunächst mit Trommel und Gesang seinen persönlichen Schutzgeist, der sich des Körpers des Schamanen bemächtigt (Zuckungen, Sprünge, Trommelwirbel sind Zeichen dafür). Meist sind ein oder mehrere „Hilfsgeister“ involviert, gewöhnlich Tiergeister, die dem jeweiligen Jagdumfeld entstammen und die der Schamane sich bereits während seiner Ausbildung verpflichtet hat. Insbesondere indianische Kulturen[152] ergänzen ihre Götter- und Geisterwelt mit einer Fülle von Hilfsgeistern pflanzlicher Natur. Zu Anrufung der Geister müssen bestimmter Riten und Rituale, ausgeführt werden, die nur der Schamane kennt. Häufig nimmt er während des Rituals mit Hilfe einer Verkleidung aus Fellen oder Masken eine Tiergestalt an, ein Motiv, das bereits in jungpaläolithischen Fels- und Höhlenmalereien weltweit auftaucht (s. u.). Er arbeitet oft mit Amuletten und rituellen Musikinstrumenten, meist Schlaginstrumente oder Rasseln. Gewisse Rituale enthalten auch das richtige Einatmen und Ausstoßen von Tabakrauch oder das Aussprechen bestimmter Beschwörungs- oder Segnungsformeln.
* Der Schamane nennt seinen Hilfsgeistern jetzt den Grund der Anrufung, befragt sie etwa bei Krankheiten, vertreibt gegebenenfalls die bösen Krankheitsgeister und beginnt, sofern dann noch nötig, seine Reise durch die verschiedenen Ebenen des Kosmos. Dabei hat jeder Schamane seine eigenen Wege und Zugänge. Hat er den avisierten Geist oder Gott gefunden, der ihm helfen kann oder soll, offenbart er sich ihm und beginnt mit ihm zu verhandeln, teilweise unter Mitwirkung der Anwesenden. Der Geist kann die Bitte nun gewähren, abschlagen oder einen Tribut fordern.
* Nach Abschluss dieser Verhandlungen kehrt der Schamane unter Mitnahme des (symbolischen) „Wertes“, der im Zentrum steht, auf die Erde zurück und verkündet das Ergebnis sowie die Folgen, die daraus entstehen werden. Sofern möglich übergibt er den Menschen den erhaltenen „Wert“.
* Bei Schamanensitzungen, die der Wahrsagung dienen, fungieren die als „Werte“ eingesetzten Gegenstände, Tierknochen, geschmolzenes Zinn, Träume, Spiegel, Äxte, Musikinstrumente, Pfeile usw., ganz direkt als Mittler zwischen den Welten. Auch die Deutung des Vogelfluges und der Gestirne wird in diesem Zusammenhang eingesetzt (beides war in vielen alteuropäischen und mediterranen Kulturen der Antike im Gebrauch, etwa in Mesopotamien, bei den Kelten, Germanen, Slawen, Etruskern, Hethitern, Griechen, Römern, die Astrologie sogar bis heute). Verbreitet bei der Wahrsagung sind Schamanenspiegel (toli).
* Bei Krankenheilungen geht es meist darum, den jeweils zuständigen Geist aus dem Körper des Kranken zu vertreiben. Dabei werden verschieden rituelle Techniken eingesetzt, etwa Trommeln, Ausblasen oder Absaugen durch ein Rohr, Anlocken durch Düfte usw. Bei ernsthaften Erkrankungen muss der Schamane jedoch nach der vom Krankengeist entführten Seele im Jenseits fahnden und versuchen, sie zurückzubringen.
* Bei jagdmagischen Sitzungen, Erfolg von Jagd oder Fischfang, wird häufig die oberste Gottheit bzw. ihre Helfer und ihre Verwandtschaftsgruppe angerufen. Dabei begibt sich der Schamane vor allem zum Herr oder der Herrin der Tiere, um diesen gut zuzureden. Dazu sind Tieropfer notwendig. Später müssen oft auch Idole hergestellt werden (sie sind schon für die Altsteinzeit nachweisbar). Dem Herrn bzw. der Herrin der Tiere müssen bestimmte Teile des erlegten Wildes, vor allem die Knochen, im Verlauf eines Weihe- und Reinigungsrituals wieder zurückgegeben werden, damit die Blutschuld getilgt ist und er/sie daraus ein neues Tier erschaffen kann, das Gleichgewicht der Natur so erhalten bleibt.
* Andere Zwecke der Schamanensitzung: Bei Unfruchtbarkeit sucht der Schamane die jenseitigen Seelenhort auf, um dort Kinderseelen zu holen. Bei Wetterproblemen sucht er die dafür zuständigen Geistmächte auf, bei bestimmten Fragen die Ahnengeister. Solche Jenseitsreisen sind wie die jagdmagischen meist relativ unproblematisch. Der Schamane erfüllt zudem die Funktion des Seelengeleits (Psychopomp). Er geleitet die Seelen der Toten in die Unterwelt und bringt sie dort über gefährliche Wege zu ihren Wohnorten. Reste davon sind in Mythen wie etwa der Orpheus-Sage erhalten (s. u.).
* Die Schamanensitzung endet mit der Freilassung des Schutzgeistes und der Hilfsgeister. Meist bricht der Schamane danach völlig erschöpft zusammen.

Schamanische Kosmologie

Die Informationen zu diesem Unterkapitel entstammen vorwiegend den Quellen unter.[153]
Grundkonzept

Der Schamanismus ist grundsätzlich dualistisch. Unterschieden wird die profane, diesseitige Welt der Menschen von der sakralen, jenseitigen der Geister und Ahnen.[154] Die kosmologische Konzeption des Schamanismus enthält fünf Grundannahmen:[155]

1. Die Welt mit ihren lebenden und toten Dingen ist beseelt. Dies ist das Konzept des Animismus.
2. Nach dem Tode gibt es ein Weiterleben in einer anderen Welt. Dies ist das Konzept der Ahnenverehrung und beinhaltet die Vorstellung einer Unsterblichkeit und einer oder mehrerer persönlicher Seelen.
3. Um diesen Grundannahmen die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben, hat die sichtbare und angenommene unsichtbare Welt eine bestimmte, von einer oder mehrerer höchsten Wesenheiten bzw. Geistmächten geformte und/oder kontrollierte Struktur. Dies ist das Konzept des von zahlreichen geringeren metaphysischen Entitäten umgebenen Hochgottes (Henotheismus).
4. Es existieren in dieser Welt auf allen Ebenen körperlose Wesenheiten, die diese Ebenen durchdringen und Macht ausüben können. Dies ist das Konzept des Geisterglaubens.
5. Der Mensch lebt im Spannungsfeld dieses kosmischen Systems und hat gegenüber diesem Gesamtsystem eine Verantwortung, vor allem gegenüber der Einhaltung der Regeln und damit der Harmonie. Krankheiten und andere negative Ereignisse können auf einer Verletzung dieser Regeln beruhen, die dann wieder „geheilt“ werden müssen. Dies ist das Konzept eines harmonischen, auch die Prinzipien einer nachhaltigen Ökologie beinhaltenden Weltverständnisses.

Dieses Grundkonzept hat in praktisch allen historischen und aktuellen Religionen teils tiefe Spuren hinterlassen. Das Konzept eines Totengerichtes ist im Schamanismus nicht enthalten, da es die Existenz oppositioneller Gut-böse-Vorstellungen voraussetzt.
Weltaufbau 
Schamanentrommel: Die Darstellung der tengristischen Drei-Welten-Kosmologie. Der Senkrechte Pfeil symbolisiert den Weltenbaum der in der Mitte der Welt steht. Er verbindet Unterwelt, irdische Welt und Himmel miteinander. Diese Darstellung findet man auf Schamanentrommeln der Türken, Mongolen und Tungusen in Zentralasien und Sibirien.[156]

Das schamanische Weltbild ist vertikal strukturiert und in drei Welten gegliedert: der oberen, mittleren und unteren Welt, ohne Zusammenhang mit der einer Gut-böse-Wertung folgenden christlichen Aufteilung zwischen Himmel, Erde und Hölle. Die Grenzen zwischen diesen Welten sind jedoch nicht immer scharf gezogen, verschwimmen immer wieder und sind besonders zu bestimmten Zeiten (Nacht, zwischen den Jahreszeiten) durchlässig (vgl. keltische Anderswelt, Wilde Jagd der germanischen Mythologie), so dass Kontakte zwischen den Bewohnern möglich sind und diese sich auch auf die anderen Ebenen begeben können. Allerdings ist das Verständnis dieser Welt stark ethnozentrisch geprägt, das heißt, der Brennpunkt der Schöpfung ist jeweils dort, wo sich das eigene Volk befindet (z. B. der Omphalos der griechischen Antike bzw. der Umbilicus urbis auf dem Forum Romanum).

Die Schamanen haben ihren Ursprung in diesen Vorstellungen von der Durchlässigkeit der Welten. Wie die sibirischen Mythen berichten, konnten früher alle Menschen diese Grenzen passieren, auch wenn solche Reisen sehr anstrengend und lang gewesen seien. Wegen der Unfähigkeit der Menschen zur Verständigung mit den Bewohnern der anderen Welten, für die sie unsichtbar gewesen seien, und weil die jenseitigen Geister den Kontakt mit Menschen nicht ertragen hätten, sei es schließlich üblich geworden, dass nur noch von den Geistern ausgewählte und ausgebildete Menschen solche Reisen unternahmen: die Schamanen als geschulte Mittler, ihre eigentliche Primärfunktion. So sei schließlich eine der ältesten „Religionen“ der Menschheit entstanden: der Schamanismus.[28]

Grundvorstellungen[157]
Folgende Grundvorstellungen finden sich weltweit:

* Die Erde wird als runde Scheibe gesehen, die rings vom Weltmeer, einem Strom oder Gebirge umgeben ist.
* Der Himmel ist entweder wie bei Hirtennomadenvölkern ein gewaltiges Zeltdach mit mehreren vernähten Hauptnähten (die Milchstraße) oder eine halbkuppelförmige Festung. Die Himmelskuppel ruht auf den Rändern der Erdscheibe, hebt und senkt sich aber, so dass Winde und Zugvögel einströmen und die Welt wieder verlassen können. Sterne sind Löcher im Himmelsgewölbe, durch die das Licht der hellen Oberwelt dringt. Der Polarstern ist ein großer Nagel in der Mitte oder das Loch für die Weltachse oder den Weltbaum, dessen Wurzeln auf dem Boden der Unterwelt ruhen und die Erdscheibe im Erdnabel (Omphalos bei Delphi der griechischen Mythologie) durchstoßen, derart Unter-, Mittel- und Oberwelt miteinander verbinden (vgl. die Weltesche Yggdrasil der germanischen Mythologie).
* Sterne und Sternbilder kreisen um den Polarstern. Sie sind an ihm, der Weltachse oder dem Weltbaum durch unsichtbare Bänder befestigt. Für die Südhalbkugel fehlt hingegen ein derartiges stellares Polzentrum, so dass sich die mythischen Vorstellungen entsprechend unterschiedlich gestalteten. (Vor allem die Plejaden und der Große Bär hatten in Alt-Peru kultische Bedeutung.[158])
* Weltachse und Weltbaum sind für Schamanen und Geistmächte Verbindungswege zwischen den Welten. Bei manchen sibirischen Völkern findet sich die Vorstellung eines gewaltigen Rentieres an Stelle des Weltbaumes, das mit seinem Geweih den Himmel stützt, und an dem Sonne und Mond aufgehängt sind.
* Gelegentlich findet sich statt der Weltscheibe die Vorstellung vom Weltberg (etwa in den Religionen Mesopotamiens, wo die Zikkurats wie etwa der Turm von Babel diesen Berg symbolisierten), der durch den Polarstern in die Oberwelt ragt. An seiner Spitze befindet sich ein Plateau, auf dem sich das Paradies mit der Quelle der Unsterblichkeit oder ein Milchsee erstreckt. Manchmal ist dort der Sitz der Götter gedacht (vgl. den Olymp der griechischen Mythologie).

Die drei Welten[159]

* Die obere und untere Welt sind in verschiedene Schichten (neun bzw. sieben) weiter untergliedert, die bestimmten Geistmächten zugeordnet sind. Die mittlere Welt ist den Lebenden, die untere den toten Seelen vorbehalten, die im Wurzelwerk des Weltbaumes hausen, sowie einer Vielzahl von Naturgeistern und Dämonen. Der Weltenbaum hat dabei entsprechend viele Astebenen, der Weltberg entsprechend viele Stufen.
* Die Oberwelt: Dort leben die höheren Geister, welche die Elemente wie Feuer und Wasser, Landschaften wie die Taiga, die Berge, Flüsse und Seen und wichtigen Tiere (Herr und Herrin der Tiere) beherrschen, dazu kosmische Erscheinungen wie Sonne, Mond und Sterne sowie die Winde. Auch die Schöpfergottheiten leben hier, die in vielen teils recht unterschiedlichen Mythen präsent sind. Die Obergeister werden von den Menschen tief verehrt und haben bei den sibirischen Völkern menschliche Gestalt. Das harmonische Zusammenleben mit ihnen ist Grundlage der menschlichen Existenz und wird durch zahlreiche Tabus und Rituale abgesichert. Der Jagderfolg hängt von ihrem Wohlwollen ab.
* Die Unterwelt: Sie liegt innerhalb der Erde, bei manchen Inselkulturen auch im Meer (z. B. Bali), und ist der Bereich der Toten und Schatten, der verschiedenen bösen Geister, Dämonen und Ungeheuer. Sie ist sozial wie die Menschenwelt strukturiert, das heißt als Fortsetzung des irdischen Lebens mit Clans, Jagd, Fischfang usw. Manche sibirischen Stämme stellen sie sich allerdings als Umkehrung der Menschenwelt vor: Tag ist Nacht, Sommer ist Winter usw. Andere glauben, die Toten ernährten sich nur von Heuschrecken, hätten Eisaugen etc.
* Die Mittlere Welt: Sie ist die Sphäre der Lebewesen, Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Menschen sind jedoch nie allein, sondern von Geistern umgeben, guten wie bösen. Zum Schutz vor deren Einflüssen sind verschiedene magische Maßnahmen wie etwa Amulette notwendig. Die Geister dürfen nicht verärgert und müssen gegebenenfalls beschwichtigt werden.

Seele, Geister, Jenseitsvorstellung

Seelen
Der Mensch konnte nach den Vorstellungen einiger Völker (etwa Sibiriens) mehrere davon haben, bei den Jakuten zum Beispiel drei: die für das Wohlergehen des Körpers zuständige Erdseele, die Luftseele, die das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft und der Umwelt regelt, und die Mutterseele, die das Bewusstsein und Denken bestimmt. Alle drei Seelen bilden zusammen die Lebenskraft (Kout-Sur), die das Wohlergehen des Menschen insgesamt bestimmt.[160]
Der Mensch kann auch eine Spiegelseele haben, die man beim Blick ins Wasser sieht, und eine Schattenseele, die nur bei Sonnenschein sichtbar wird.[161] Die Seele kann sich unter bestimmten Umständen vom Körper trennen, etwa freiwillig, wie beim Schamanen, oder gezwungen wie bei schweren Krankheiten. Auch in Träumen schweift sie umher und tritt gelegentlich mit Geistern in Kontakt, was Krankheiten oder Tod auslösen kann. Beim Tod löst sie sich vom Körper und kehrt begleitet vom Schamanen zu ihrem Ursprung in der Unterwelt zurück oder geht in den Körper eines zukünftigen Menschen über (Seelenwanderung).

Jenseitsvorstellungen
Um sich im teils gefährlichen Jenseits sicher bewegen zu können, benötigte der Schamane genaue Kenntnis über alle Ebenen, hochdifferenzierte Landkarten der jenseitigen Welten. Geister hatten ihre Heimatbereiche, die es jeweils zu finden galt und die mitunter, da diese Welten die Menschenwelt widerspiegelten, durchaus gefährlich und nur auf beschwerlichen Wegen zu erreichen waren oder von Ungeheuern und bösen Geistern bedroht wurden. Er musste weiter ihre Gebräuche kennen und ihre Geistersprache sprechen. Zwar führten ihn seine Hilfsgeister, doch wäre er ihnen ohne die Kenntnisse der Jenseitstopographie, ihrer Gefahren und der jeweils besten Einstiegsstellen hilflos ausgeliefert. Auch die Lage des Totenreiches musste der Schamane genau kennen, um die Ahnen aufzusuchen oder die Toten dorthin zu geleiten. Ebenso musste er die Lage der „Seelenkeimzentren“ kennen, wo neue Seelen entstanden, die Lage sicherer Verstecke für kranke Seelen, den Aufenthaltsort der Geistmächte, die er um Schutz und Hilfe bitten konnte. Es gab regelrechte Schamanen-Territorien im Jenseits, die vom einen auf den anderen Schamanen übergingen, und die der Schamane geheimhielt. Sie wurden oft von einem speziellen Schutzgeist bewacht. Dort befand sich häufig eine Art Schutzhütte, in der gefährdete Seelen untergebracht werden konnten. Starb ein Schamane, kehrte seine Seele hierher zurück und wartete, bis sie auf einen neuen Schamanen übergehen konnte. Die Vorstellung derartiger Schamanen-Territorien war weit verbreitet. Manche Schamanen besaßen zwei derartige Territorien, hielten dieses Wissen allerdings streng geheim.

Geistmächte
Das Jenseits der schamanischen Kosmologie ist von einer ganzen Reihe unterschiedlich mächtiger Geistmächte mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen bevölkert. Sie müssen dem Schamanen genau bekannt sein, damit er seine Aufgaben erfüllen kann.

* Böse und Krankheitsgeister: Schwerere Krankheiten wurden meist von hochspezialisierten, nur für eine einzige Krankheit „zuständigen“ Geistern verursacht. Der Schamane musste sie alle kennen und wissen, wie sie zu erreichen waren, um eingreifen zu können.
* Herr/Herrin der Tiere: Beide waren für Jäger-Sammler- und Fischer-Völker besonders wichtig. Sie gehörten zu den Elementargeistern wie Wasser-, Berg-, Wald-, Flussgeister usw. und wohnten meist weit entfernt in den Tiefen der Berge oder des Waldes der diesseitigen Welt oder in den Tiefen des Meeres (z. B. bei den Eskimos), im Wurzelwerk des Weltbaumes usw. Es gab einen Herrn aller Tiere, der in Sibirien als bärengestaltig gedacht war (weil der Bär gelegentlich auf zwei Beinen läuft und enorm gefährlich ist). Hier findet sich ein Übergang zum Totemismus. Dazu gab es die Mütter einzelner Tierarten, sofern sie gejagt wurden. Blieb der Jagderfolg aus, wurden sie um Hilfe gebeten. Das Töten der Tiere erfolgte gewöhnlich nach einem bestimmten Ritual, und der jeweilige Wildgeist wachte darüber, dass nicht mehr als nötig getötet wurden. Die Knochen, vor allem der Schädel, galten als Sitze der Seele, wurden deshalb als Opfergaben deponiert und von manchen Völkern an den Herrn der Tiere zurückgeschickt, damit er sie wieder zu Leben erweckte.[14]
* Ahnengeister: In bestimmten Notsituationen, etwa wenn zu viele Kinder starben oder geboren wurden, musste der Schamane die Ahnen aufsuchen und um Rat und Hilfe bitten. Sie waren häufig ebenfalls durch Idole präsent.
* Hilfsgeister: Sie sind wie die Schutzgeister für die Tätigkeit des Schamanen, vor allem bei der Jenseitsreise, unerlässlich. Unterschiedliche Typen führen unterschiedliche Tätigkeiten aus. Hilfsgeister fanden sich in der Natur, also Quell-, Baum-, Berggeister usw. Meist waren sie aber Wildgeister, die in Gestalt bestimmter Tiere oder Menschen auftraten und ihre Erscheinungsform jederzeit wechseln konnten. Auch die Geister toter Schamanen waren mitunter Hilfsgeister. Ein Schamane hatte meist mehrere solcher Hilfsgeister, je mehr, desto besser, da jeder Geist nur über eine einzige Kompetenz verfügte, sei es als Reisemedium für Wasser oder Luft, sei es eine bestimmte Krankheit. Die Hilfsgeister des Schamanen galten ihm als Blutsverwandte, was eine sehr enge und gute gegenseitige Bindung erforderte. Ihre Leistungen wurden auf Gegenseitigkeit erbracht. Sie waren als Idole Teil des Schamanenausrüstung, wurden gespeist, bekleidet, erhielten Ehrenplätze usw. Waren die Geister mit ihrer Behandlung unzufrieden, konnten sie den Schamanen verlassen, ihn bestrafen, wahnsinnig machen oder sogar töten.
* Schutzgeister: Sie waren noch wichtiger als die Hilfsgeister. Im hochkulturellen Schamanismus Ostasiens waren und sind sie regelrechte Schutzgötter. Gewöhnlich war dies nur eine einzige Geistmacht, etwa der Geist eines verstorbenen Schamanen der Familie. Im nördlichen Taigabereich war es meist eine weibliche Geistmacht, die dann oft tiergestaltig als „Tiermutter“ auftrat. Dieser mütterliche Aspekt beruht auf der Vorstellung, dass der künftige Schamane von der Vogelmutter im Jenseits in einem Ei ausgebrütet oder bei Tiermüttern in sich aufgenommen und geboren worden war. Der Schamane brachte also bei seiner irdischen Geburt seinen Schutzgeist bereits mit, der ihm damit eng verwandtschaftlich verbunden war, mitunter bis hin zur Identität auch außerhalb der Séancen. Er sah diesen Geist in seinem Leben dann nur dreimal: während seiner jenseitigen Geburt, Initiation und vor dem Tod. Entsprechend hatte ein derart berufener Schamane eine tiermenschliche Doppelnatur. Alles, was der Tiermutter widerfuhr, erlitt er selbst. Wegen dieser extrem engen Bindung verschwamm gelegentlich die Tiermutter mit der Herrin der Tiere, so dass der Schamane zum Bruder der Tiere wurde. Fungierte der Schutzgeist als Hilfsgeist, wurde er zu deren Anführer und erfuhr dieselbe Behandlung mit Idolen usw. In Tibet, Taiwan, Korea und Japan erhielten Schutzgeister kleine Tempel mit Kulten. Versäumte der Schamane allerdings die Pflichten gegenüber seinem Schutzgeist, verließ ihn dieser, er büßte seine Fähigkeiten ein, wurde krank und starb.
* Gottheiten und Naturgeister: Sie spielen im Schamanismus im allgemeinen keine große Rolle. Gelegentlich musste der sehr ferne in der Oberwelt residierende Hochgott um Hilfe gebeten werden, wenn sie anders nicht zu erlangen war. Im Elementar- und Komplexschamanismus spielen ansonsten Götter keine weitere Rolle, an Elementargeistern nur Erdgöttin, Wetter- und Meeresgötter, später Feuergötter. Wetter- und Erdgötter gehören zu Völkern mit Bodenbau, Meergötter zum Fischfang. In weiter entwickelten Schamanismusformen zeigen sich allerdings bereits Übergänge zum Polytheismus. So hat bei den Mongolen und bestimmten Turkvölkern eine gute Göttin Ülgen mit dem Hochgott 7 Söhne und 9 Töchter, ähnlich die Göttin Tengri bei den südsibirischen Burjaten. Insgesamt kennen die Burjaten 99 Götter, 55 gute und 44 böse, die auch als weiß und schwarz charakterisiert werden und Gegenstand des dort existierenden weißen und schwarzen Schamanismus sind. Das Oberhaupt der schwarzen, Erlik, ist Herrscher der Unterwelt.[161] Siehe dazu auch Einhundert friedvolle und zornvolle Gottheiten im tibetischen Buddhismus.

Vorkommen

Die hier ausschließlich aus praktischen Gründen vorgenommene Unterteilung folgt den oben unter „Problematik des Schamanismuskonzeptes“ dargestellten Kriterien. Es wird dabei unterschieden zwischen einem ethnischen, also gegenwärtig beobachtbaren oder in naher Vergangenheit wissenschaftlich untersuchten Schamanismus und (prä-)historisch erschlossenen Formen mit eventuellen Überbleibseln in gegenwärtigen Religionen, deren Motivationen und magische Komponenten teils von erheblichen spekulativen Unsicherheiten geprägt sind. Beide Formen unterscheiden sich abgesehen von der zeitlichen Dimension durch den Grad der wissenschaftlichen Plausibilität, Methodik, vor allem aber durch Interpretation. Sie werden hier jedoch gleichrangig als Schamanismus eingestuft, da sie dessen wesentliche Kriterien – Animismus, Ahnenverehrung, Geisterglaube, Kosmologie, Ekstasetechniken usw. – in unterschiedlichem Ausmaße und mit unterschiedlicher Beweisbarkeit erfüllen. Ob und gegebenenfalls wie der prähistorische Schamanismus in den ethnischen übergeht oder ob es sich um zwei verschieden zu bewertende, voneinander unabhängige Phänomene handelt, ist eine letztlich nicht zu beantwortende Frage. Chronologisch folgt auf die Beschreibung des prähistorischen Schamanismus eine kurze Diskussion der potentiellen schamanischen Elemente in einigen frühen Religionen vor allem Alteuropas und der alten Hochkulturen und der etwaigen schamanischen Reste in den aktuellen Weltreligionen, worauf eine Kurzbeschreibung der verschiedenen rezenten ethnischen Schamanismusformen folgt. Zur generellen Diskussion der Problematik des prähistorischen Schamanismus vgl. Hoppál.[162]
Prähistorischer Schamanismus

Die unter diesem Rubrum zusammengefassten Phänomene sind aufgrund der oft schwachen archäologischen Belege weit spekulativer als die ethnischen. Sie gehören aber trotz dieser Unsicherheiten mutmaßlich ebenfalls zum hier vor allem anthropologisch definierten Formenkreis des Schamanismus. Hauptnachweise für einen paläolithischen Schamanismus sind Bestattungen, Fels- und Höhlenbilder, Idole sowie bestimmte Besonderheiten der Werkzeuginventare wie etwa Geräte, die wegen ihrer Größe, Form, Zerbrechlichkeit und feinen Bearbeitung eindeutig nicht für den praktischen Einsatz gedacht waren, und daher vermutlich vor allem rituelle Bedeutung gehabt haben dürften. Für den neolithischen Schamanismus finden sich weitere archäologische Nachweise. Es werden daher im Folgenden vor allem die wesentlichen archäologischen Indizien samt ihrer Belege aufgelistet, die eine Einstufung der religiösen Welt der Paläolithiker und Neolithiker als schamanisch wahrscheinlich machen.

Als man im „klassischen“ Bereich des sibirischen Schamanismus drei Jahrtausende alte Felsbilder mit anthropomorphen Darstellungen entdeckte, die eine Art Geweihkrone zeigen, wie es sie im sibirischen Schamanismus bis heute gibt, vermuteten russische Forscher vor allem aufgrund der Kontinuität der dortigen Bevölkerung mindestens einen jungsteinzeitlichen Ursprung des Schamanismus. Andere Forscher hielten diese Darstellungen für jünger und verwiesen auf den potentiellen Einfluss des Buddhismus. Andere Felsbildzonen der Erde, etwa der Aborigines Australiens,[163] der San Südafrikas[164] sowie vor allem der kalifornischen Indianer[165] sowie archäologische Befunde im Bereich der Skythen[166] lassen jedoch ebenfalls auf einen sehr frühen Beginn des Schamanismus schließen.[167]

Beachte: Mit Paläolithikum und Neolithikum sind die vorherrschenden Wirtschaftsformen, also Jäger-Sammler und frühe Bauern gemeint, nicht bestimmte historische Perioden. Paläolithische Wirtschaftsformen finden sich bei indigenen Völkern wie etwa den Pygmäen, Bergdama und Khoisan Afrikas, vereinzelten Ethnien Südasiens, Neuguineas und Ozeaniens, den Aborigines Australiens oder manchen Stämme Amazoniens bis in unsere Tage. Mehr oder weniger entwickelte neolithische Wirtschaftsformen sind immer noch weltweit stark verbreitet, selbst wenn oft metallzeitliche Geräte verwendet werden, die aber nicht selbst hergestellt sind.
Paläolithikum

Ein inzwischen modifiziertes Geschichts- bzw. Zeitmodell des 19. Jahrhunderts, nach dem zeitgenössische „primitive“ Kulturen mit prähistorischen, etwa steinzeitlichen Kulturen gleichzusetzen seien, führte zu der zunächst undifferenzierten Vermutung, der Schamanismus sei bereits in frühester Vergangenheit in ähnlichen oder gar identischen Formen verbreitet gewesen, wie man sie am rezenten ethnischen Schamanismus mit oft meist westlich arroganter Attitüde bei den „Primitiven“ beobachtete. Inzwischen sieht man diese kulturhistorische Situation nicht mehr als direkt übertragbar oder gar identisch an. Jedoch gilt die Existenz eines vorgeschichtlichen Schamanismus in der Forschung inzwischen als zumindest sehr wahrscheinlich, falls man den Begriff des Schamanismus nicht allzu eng fasst und beim ethnischen Schamanismus von heute zahlreiche Übertragungsphänomene und Synkretismen aus späteren Religionen akzeptiert.[168] Archäologische Funde können dies bestenfalls plausibel machen; beweisbar ist diese Theorie aber nicht bis ins Letzte. Neuere Forschungsergebnisse sehen jedoch die mit Bildern geschmückten Orte des Jungpaläolithikums als Kultorte der Gemeinschaft, die als Opferorte teils über Jahrtausende bis in unsere Zeit genutzt wurden. Dies gilt vor allem für den klassischen Schamanismusbereich Sibirien.[169] Grundlage ist dabei die Feststellung André Leroi-Gourhans zur vor allem paläolithischen Kunst und ihrer Bedeutung: „Wir können, ohne das Material zu überfordern, die Gesamtheit der figurativen Kunst des Paläolithikums als Ausdruck von Vorstellungen über die natürliche und übernatürliche Ordnung (die im steinzeitlichen denken nur eine Einheit bilden konnte) der lebendigen Welt auffassen.“[170] Allerdings sieht er die Bezeichnungen Schamanismus und Totemismus für die prähistorische Religion als vor allem ethnologisch motivierte Überinterpretation relativ wenig aussagefähiger archäologischer Funde und geht mit seinen ebenfalls hypothetischen Feststellungen eher von einem hochkomplexen mythologischen System vorwiegend sexuell betonter Antagonismen mit komplementärem Charakter aus.[171] Desgleichen bezweifelt Müller die Aussagekraft der süd-, südwest- und nordafrikanischen Felsbilder für die Bedeutung Schamanen und Schamanismus.[41] Clottes wiederum plädiert stark für die Interpretation Schamanismus.[172] Andererseits weist Lewis-Williams in seiner ausführlichen Untersuchung „The Mind in the Cave“ (2002) schlüssig und mit zahlreichen Einzelbeispielen eine enge inhaltliche Analogie zwischen jungpaläolithischen Darstellungen vor allem der frankokantabrischen Höhlenkunst und rezenten Felsbildern von Jäger-Sammler-Ethnien nach, die er auf ähnliche geistige und ökonomisch-soziale Voraussetzungen dieser Lebensweise zurückführt, die einen bestimmten Zustand des Bewusstseins zur Folge hatten.[173] Auch der Gebrauch von Halluzinogenen hat besonders bei den sibirischen Schamanen eine lange, archäologisch nachweisbare Tradition und wird bereits für das Jungpaläolithikum für möglich gehalten.[174] Lewis-Williams stellt überdies fest, dass die Menschen des Jungpaläolithikums veränderte Bewusstseinszustände gekannt haben müssen, wie auch immer diese herbeigeführt wurden, denn er schreibt: „Hunter-gatherer shamanism is fundamentally posited on a range of institutionalized altered states of consciousness.“[175]
Mögliche metaphysische Grundvorstellungen des paläolithischen Schamanismus 
Handnegativ aus der frankokantabrischen Höhle von Pech Merle (Frankreich)
Handpositiv der Aborigines in den Blue Mountains (Australien)

* Animismus: Die Höhlen- und Felskunst repräsentiert nach Ansicht mehrerer Autoren vor allem Mythogramme (so André Leroi-Gourhan und Mircea Eliade), die bestimmte mythische Vorstellungen wiedergeben.[176] Mindestens die europäische Höhlenkunst etwa des frankokantabrischen Bereichs war mit relativer Sicherheit Bestandteil von Kultorten. Verschiedene Indizien deuten darauf hin, etwa die Lage in dunklen, schwer zugänglichen Höhlenbereiche, die nie bewohnt waren, die lange Benutzung, das mitunter mehrfach übermalte Bildprogramm und ihre Deutung als Jagdmagie und Initiationsraum, die sich zwangsläufig etwa aus der Darstellung von mit Pfeilen und Speeren gespickten oder mit Einschusslöchern versehenen Jagdtieren ergibt, deren Symbolismus sich als Bild-Tier-Übertragungsmechanismus direkt erschließt.
* Jagdmagie: Dieser Gedanke wurde seinerzeit von Abbé Breuil in die Diskussion eingeführt und später von anderen Forschern teils modifiziert übernommen.[177] Da zahlreiche Tierbilder Anzeichen von Pfeileinschüssen und Speertreffern zeigen, häufig auch damit oder als tote Tiere dargestellt sind und mit Markierungen für die tödliche Trefferstelle (z. B. der Bison in der Höhle von Niaux), werden sie mitunter als „Lehrmittel“ gewertet und weniger als symbolische Ziele für eine spätere Jagd.[178][179][177] In diesem Zusammenhang hat Breuil über einen potentiellen Fruchtbarkeitszauber spekuliert. Hultkrantz stellt allerdings fest: „Schamanismus und alle Formen der Jagdmagie bildeten sich als beinahe unumgängliche Entwicklungen heraus. Nicht im Sinne eines kulturellen Determinismus, sondern als Evolution aus bestimmten Bedingungen, die letztendlich nur eine begrenzte Zahl an Möglichkeiten zulassen. Schamanismus und Jagdmagie stellten einen natürlichen – nicht den einzigen – Schritt in einer Welt dar, in der die Nahrungsmittelvorkommen einer der Hauptfaktoren der natürlichen Selektion waren und sind.“[180]
* Totemismus: Émile Durkheim suchte darin den Ursprung der Religionen.[181] Vor allem Bären scheinen im Jungpaläolithikum eine totemistische Rolle gespielt zu haben, wie etwa die Fundsituation in der Grotte Chauvet und in anderen Höhlen nahelegt[182] oder die Bärenplastik von Montespan.[183] Auch Cerviden sind häufig, und noch die Geweihkronen rezenter sibirischer Schamanen weisen in diese Richtung.[184] Totemismus tritt praktisch stets als individueller Totemismus im Schamanismus auf und kann im Gruppentotemismus als Indikator für dessen entwickeltere Form gelten.[185]
* Initiation: Eine vor allem von André Leroi-Gourhan betonte, heute besonders favorisierte Möglichkeit, die die Höhlenkunst als Widerschein der paläolithischen Gesellschaft sieht. In den Höhlen symbolisierte das durch nur von Fackeln erhellte mystische Dunkel der Bildsequenzen die Grenzen, die die Höhlenwände in der Vorstellung der Schamanen und Initianden jener Zeit zwischen dem Diesseits und Jenseits gezogen haben müssen.[100]
* Metaphysische Symbolik: Die weltweit in Höhlen zahlreich nachweisbaren seltenen positiven und sehr zahlreichen negativen Handabdrücke[186] sind wohl nach Lewis-Williams als engstmögliche Kontaktaufnahme mit der Geisterwelt hinter den Höhlenwänden zu werten und damit wohl auch als einer der ältesten Nachweise für eine archetypische religiöse Metaphorik. Sie entstanden entweder durch Auftragen von Farbe auf die Handfläche, wobei ein enger physischer Kontakt zu der als diesseitig-jenseitige Membran verstandene Höhlenwand entstand oder durch Blasen von Farbstaub auf die eng an die Felswand gepresste Hand, also durch den Atem als wahrnehmbarste Essenz des Menschen, der sich dadurch in den Fels und seine Darstellungen hineinprojizierte und derart mit seinem jenseitigen Substrat eins wurde.[187] Sie gehören damit zu den ersten eindeutigen Zeichen des zum Homo religiosus sich wandelnden Homo symbolicus,[188] eine Entwicklung, die mit der Erfahrung des Heiligen wohl das letzte und noch heute bestehende geistige Stadium des Homo sapiens sapiens markiert,[189] zumal alle Datierungen solcher Handnegative sie in die früheste Periode der frankokantabrischen Felsbilder verweisen und diese Darstellungen von späteren Bewohnern der Höhlen bereits ganz offensichtlich nicht mehr verstanden wurden, da sie sie als offenbar gefährlich empfundenen Zauber zerstörten oder übermalten.[190]

Zu diesen eher metaphysischen Faktoren tritt ein weiteres, vor allem physisch bestimmtes Muster, das im Rahmen des grundlegenden Dualismus, wie er religiös in jener Zeit sich manifestierte (und bis heute Bestand hat), notwendig auch metaphysische Qualitäten besaß:

* Sexualität: „Hultkrantz: Eines der hervortretenden Charakteristika der Jagdmagie hat mit Sexualität und sexuellem Verhalten zu tun. Die Jagd weist oft Züge einer Beziehung mit sexuellen Untertönen zwischen dem Jäger und dem Tier auf. Im Kontext der Jagd soll die ›Männlichkeit‹ des Jägers die Oberhand über seine ›weibliche‹ Beute gewinnen. Manchmal wird die Jagd auch als Regulativ für den formalisierten Austausch von Nahrung gegen Sex in der Gesellschaft betrachtet.“[191] Ithyphallische Darstellungen wie die in der Höhle von Lascaux deuten in dieselbe Richtung (s. u.). Auch die Initiation gehört zumindest teilweise und zwar ebenfalls bis heute, wie zahlreiche religiöse Initiationsriten der Moderne zeigen, in diesen letztlich sexuell bestimmten Bereich. Im Neolithikum bekam dieser Faktor dann zusätzlich eine neue Bedeutung, indem er mit dem zyklischen Werden und Vergehen, also mit der mütterlichen Qualität der Fruchtbarkeit des Bodens in Verbindung gebracht wurde, somit aber auch mit der unterirdischen Welt, dem Tod. Adolf Ellegard Jensens Konzept der Dema-Gottheit schöpft direkt aus diesem Zusammenhang.[192]

Indizien und Belege für einen potentiellen paläolithischen Schamanismus

Es geht hier ausschließlich um das Jungpaläolithikum (engl. „Upper Paleolithic“), denn die Belege aus der Zeit vor 30.000 BP sind zu schwach, um einer kritischen Prüfung hier standzuhalten,[193] Aus dem Jungpaläolithikum mit dem Auftreten des voll entwickelten Homo sapiens sapiens, der gerade durch die nun spektakulär sich entwickelnde religiöse Kunst definiert wird, sind zahlreiche Belege mit relativ kleinen Interpretationsspielräumen erhalten, deren Aussagekraft allerdings von zeithistorischen Tendenzen der Wissenschaft abhängt.[194] Andere Autoren wie etwa Jean Clottes sehen jedenfalls in den jungpaläolithischen Funden einen starken Hinweis auf einen damals existenten Schamanismus.[195]

Es folgen die wichtigsten dieser Belege, bevorzugt jene mit eindeutigem Schamanismusbezug, etwa durch Mischwesen, Masken usw. Einzelne Darstellungen können mit Literaturnachweisen überprüft werden.

Fels- und Höhlenbilder
→ Hauptartikel: Höhlenmalerei, Felsbild und Felszeichnung

Sie sind die wohl wichtigste Quelle zur Deutung des Schamanismus und geben am besten Auskunft über die möglichen religiösen Vorstellungen jener Menschen, die bereits dem modernen Typus des Homo sapiens sapiens zuzurechnen sind (in Europa Cro-Magnon-Mensch und der Mensch von Combe Capelle). Man findet sie praktisch weltweit,[196] allein in Europa sind etwa 300 Fundorte bekannt, die ältesten etwa ab 30.000 BP (Grotte Chauvet), die jüngsten bis heute (u. a. Aborigines und Khoisan[197]). (Quelle insgesamt:.[198]) Von besonderem Interesse sind dabei die Darstellungen von Mischwesen, Menschen mit Masken oder bloßen Masken, die allgemein als Indizien für einen damals bestehenden Schamanismus gewertet werden. Auch Handabdrücke und Idole sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung sowie die mögliche Darstellung von Totemtieren und Tieren mit Pfeilspuren, z. B. in Les Trois Frères.[199] Viele dieser Bilder befinden sich tief in dunklen Höhlen (nur die vorderen Teile am Eingang waren bewohnt), liegen manchmal bis zu zwei Kilometer vom Höhleneingang entfernt und sind oft nur sehr schwer erreichbar. Dies gilt als weiteres Indiz dafür, dass es sich dabei um Kultorte handelte, in denen jagdmagische Handlungen, Initiationen und andere kultische Zeremonien stattfanden. Vialou schreibt in diesem Zusammenhang: „Indem der Künstler im Magdalénien Darstellungen ganz bewusst in Höhlen einschloss, wies er ihnen einen Platz außerhalb der natürlichen Zeit zu.“[200] Dabei mag außerdem die nach Meinung von Psychiatern und Angstforschern wie Borwin Bandelow dem Menschen angeborene, in unterschiedliche Stärke sich manifestierende, mitunter klaustrophobische Höhlenangst[201][202] von Bedeutung gewesen sein, die in den Tiefen der Höhle eine mystische, die Trance auslösende Atmosphäre schuf.[203] Die späteren Mysterienkulte haben dieses Phänomen offenbar auch genutzt. Ebenso ist die Tatsache von Bedeutung, dass die Malereien oft sehr kunstvoll, also von Experten ausgeführt wurden, die teilweise die Perspektive beherrschten. Dabei scheinen die Höhlenwände als eine Art Grenze zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt begriffen worden zu sein.[204] Besonders prägnant bietet sich diese religiöse Bedeutung in der frankokantabrischen Höhlenkunst dar, Leroi-Gourhan spricht dabei von Mythogrammen.[205]
Der sog. Zauberer aus der Höhle von Les Trois Frères (Nachzeichnung) 

 

Lesen Sie weiter Schamanismus 2

 

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